Von leeren Bänken...Mitgliederschwund und seine Folgen

Die glorreichen Zeiten, in denen deutsche Tennisstars die Medien und Herzen eroberten, gehören leider der Vergangenheit an. Der letzte große Boom liegt schon etliche Jahre zurück und mancher Verein verzeichnet eine beunruhigende Mitgliederentwicklung. Die Gründe sind vielseitig. Doch die Konsequenzen, die sich aus ihnen ziehen lassen, eröffnen mindestens ebensoviele Möglichkeiten, dem Mitgliederschwund die Stirn zu bieten.

Die Mitglieder sind sowohl das Herz als auch das Kapital eines jeden Verbandes und Vereins. In Deutschland, Österreich und der Schweiz hat das Tennis allerdings unter einem kontinuierlichen Mitgliederschwund zu leiden. Der Deutsche Tennis Bund (DTB) ist mit über 1,5 Millionen Mitgliedern zwar der größte Tennisverband der Welt, allerdings wurde auch dort seit 1995 ein stetiger Rückgang verzeichnet. Im Jahr 2002 erreichte die Mitgliederentwicklung beim Deutschen Tennisbund ein Rekordtief von -4,2%. In Österreich ist die Zahl der Mitglieder in Tennisvereinen in den letzten zehn Jahren ebenfalls zurückgegangen. Dort ist sie in den letzten Jahren zwar nahezu stagniert, sank noch im Jahr 2002 aber um erschreckende 8,05%. Der Schweizer Tennisbund Swiss Tennis ist ähnlich wie der Österreichische von der Größe her nicht mit dem DTB zu vergleichen, jedoch verlor auch Swiss Tennis seit Mitte der Neunziger zeitweise bis zu 3% seiner Mitglieder jährlich.

Höhen und Tiefen des Tennis

Der große Boom des Tennissports in der Bundesrepublik liegt Jahrzehnte zurück. Er ist aber nicht, wie so oft vermutet, mit den Erfolgen von Becker, Graf und Stich ins Rollen gekommen, sondern schon in den 70er Jahren. Marketingstrategien sorgten damals dafür, dass Tennis eine elitäre Sportart verkörperte, ähnlich wie heute das Golf. Somit versprach die Mitgliedschaft in einem Tennisverein Prestige und fand entsprechend Anklang. Der Mitgliederzuwachs beim DTB lag in dieser Zeit bei über 16%. Ende der 70er Jahre wurden in der Schweiz unzählige neue Tennisplätze gebaut und in Deutschland um die 9.700 Vereine verzeichnet. In der Zeit der großen deutschen Tennisstars gab es dann erfreulicherweise einen zweiten, wenngleich weit geringeren Boom, durch den der DTB einen Zuwachs von bis zu 6,4% pro Jahr verzeichnen konnte. Doch Mitte der Neunziger gingen schließlich nicht nur die Zuwachsraten sondern auch die Mitgliederzahlen stark zurück.

Ein Negativtrend, der sich in abgeschwächter Form bis heute fortsetzt. Die Folgen sind Engpässe in den Vereinskassen und damit auch bei der Ausstattung und den Serviceangeboten der Vereine und der Qualität der Tennisplätze. Manchmal bis hin zu Schließungen. Golf erlebt derzeit das genaue Gegenteil: Seit 1988 treten jährlich ca. 20.000 neue Golfer dem Deutschen Golf Verein (DGV) bei. Allerdings bleibt die Frage offen, wie lange das Golf noch als elitäre Sportart gilt und wann sie diesen Status an einen anderen Sport abgeben wird. Bereits jetzt wendet sich mancher ‚Elitesportler‘ aufgrund der Mitgliederschwemme im Golf exklusiveren Freizeitbeschäftigungen wie etwa der Jagd zu.

Tennis-Marketing: dringend notwendig

Fußball ist präsent, immer und überall. Ob auf dem Nutella-Glas beim Frühstück, bei der Live Reportage im Autoradio oder in der Werbepause beim TV-Blockbuster. Der Fußball erreicht uns - ob wir wollen oder nicht. Kaum einer kann die aktuellen Tennis-Stars benennen, wohingegen fast jeder Bürger über die Topverdiener der Fußballbranche Bescheid weiß. Wenn über Tennis berichtet wird, dann nur im Rahmen der großen Events wie den Australian Open, French Open, US Open oder Wimbledon. Im deutschen Fernsehen sind jedoch auch Übertragungen dieser Tennis-Großevents mittlerweile rar gesät. Wer keinen Bezug zum Tennis hat, wird diesen durch die Medien kaum bekommen. Es ist also vergeblich, wenn Tennisvereine darauf hoffen, dass sich ihre problematische Lage ‚von selbst‘ regeln wird. Der Fußball hat sich längst der Moderne angepasst: Die Vereine präsentieren sich interaktiv, weisen Marketingkonzepte vor und kümmern sich akribisch um Nachwuchsförderung und aktuelle Trends. Es führt kein Weg daran vorbei, dass auch Tennisvereine noch rigoroser und umfassender als bislang neue Vermarktungskonzepte umsetzen, um wieder vermehrt neue Mitglieder begrüßen zu dürfen.

Service bieten

In den letzten Jahren hat sich die Gesellschaft vom traditionellen Bindungsverhalten losgelöst. Das typische Vereinsleben wie auch das Engagement im Verein rücken immer weiter in den Hintergrund. Die Menschen haben kaum mehr Zeit, da Beruf, Familie und Hausarbeit, Schule, Universität und Weiterbildung sie voll auslasten. Aufgrund der heutigen Familien- und Arbeitsverhältnisse, die viel Flexibilität verlangen, müssen Mitglieder sich auch auf die Flexibilität der Vereine verlassen können. Doch die weisen auch im Tennissport noch häufig veraltete Strukturen und festgefahrenen Konzepte auf. Wo diese sich nicht mit den Ansprüchen des Alltags vereinbaren lassen, ist der Austritt aus dem Verein dann vorprogrammiert und potentielle neue Mitglieder werden abgeschreckt. Gerade weil die heutige Gesellschaft kaum mehr Platz für Freizeit hat, ist es umso wichtiger, dass Tennisvereine sich verstärkt auch als Serviceanbieter verstehen. Dies bedeutet, den Mitgliedern aller Altersgruppen aktuelle und abwechslungsreiche Kurse und flexible Trainingspläne zu bieten, Kinderbetreuung zu ermöglichen, die Forderungen nach ehrenamtlichem Engagement zurückzufahren. Nur so ist es möglich, als Tennisverein in der modernen Gesellschaft zu bestehen.

Unterschiedliche Interessen berücksichtigen

Service anzubieten heißt auch, auf die verschiedenen Interessen und Bedürfnisse der unterschiedlichen Mitglieder einzugehen. Die Berücksichtigung von individuellen Entwicklungen, alters- und nachwuchsgerechte Spiel- und Trainingsmethoden sowie aktive Jugendarbeit und –förderung sollten bei jedem Verein im Vordergrund stehen. Ebenso ist es wichtig, Sportangebote im Tennisverein auch als Möglichkeit zur Gesundheits- und Fitnessförderung, als Funsport, Trendsport und als vielseitiges Freizeitvergnügen zu kommunizieren. Unterschiedliche Varianten des Racketsports, wie Beach-, Street- oder Cardio-Tennis, Speed Badminton oder Padél anzubieten, kann gerade in dieser Hinsicht nur von Vorteil sein. Nur mit Modernisierung ist es möglich, verstärkt auch junge Mitglieder anzuwerben. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei auch die Internetpräsenz, welche die Visitenkarte des Tennisvereins darstellt. Diese ist aus der heutigen Gesellschaft kaum noch wegzudenken. Eine informative und interaktive Website ist der Weg zu potentiellen Mitgliedern und kann das Prestige eines Vereins erheblich steigern.

Aktiv gegen den Mitgliederschwund

Der Mitgliederschwund in Deutschland ist seit dem Rekordief im Jahr 2002 glücklicherweise rückläufig. Darauf hoffen, dass die Entwicklung sich von allein wieder in den positiven Bereich wendet, sollte allerdings niemand. Das notwendige Engagement der Vereine wird vielleicht nicht die traditionellen Vereinshäuser füllen, aber das kann heute auch gar nicht mehr an erster Stelle stehen. Es muss vielmehr darum gehen, das Vereinsleben zu modernisieren und neu zu interpretieren. Marketingkonzepte und die Erfüllung immer neuer Anforderungen sind zur Erhaltung und Neugewinnung von Mitgliedern aller Altersklassen unumgänglich. Ein Modernisierungsprozess läuft immer fort und ist schon deshalb auch innerhalb des Tennissports nicht abgeschlossen. Doch steht er im Tennis mancherorts gar erst am Anfang. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten für Tennisvereine etwas zu ändern. Sie müssen die Chance nur ergreifen und aktiv mitwirken, um dem Mitgliederschwund entgegenzutreten und das Tennis wieder im Ganzen auf Erfolgskurs zu bringen. ▪ LO

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