Interview mit Reiner Beushausen

„Nicht das stoische Tennis muss man vermitteln, sondern das einfache Vergnügen“


Der Göttinger Tennisclub unter der Leitung des Vorstandsvorsitzenden Reiner Beushausen zeichnet sich durch geradezu beispielhaftes Engagement aus, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliedergewinnung, die Erschließung moderner Angebote und die Entwicklung neuer Erfolgsideen geht. In diesem Jahr hat Beushausen ein völlig neues Konzept ins Leben gerufen: das Integrationsprojekt Tennis für Kinder mit Migrationshintergrund, für das der GTC Unterstützung und umfangreiches Material von NTV-Präsident Gottfried Schumann erhalten hat. RETURNAL traf Herrn Beushausen am Informations- und Mitmachstand seines Vereins bei den „Göttinger Sportschau“-Wochen und befragte ihn zu Integrationstennis, Vereinssponsoring und Entwicklungen im Breitensport.

Herr Beushausen, wir würden gerne mehr über Ihr Integrationsprojekt erfahren, dass in Ihrem Verein vor einigen Monaten angelaufen ist. Ist das Projekt nur für russischstämmige Kinder?
Beushausen: Nein. Es ist ein vielfältiges Sprachenangebot gegeben, insofern sind uns alle Landsmannschaften willkommen. Wir hatten aber das große Glück, dass wir einen russischsprachigen Tennislehrer aus der Ukraine kennengelernt haben – da bot es sich natürlich an, das Projekt mit russischsprachigen Kindern zu beginnen.
Uns ist aufgefallen, dass auf dem Flyer für das Projekt alle Informationen auch auf Kyrillisch zu lesen sind.
Beushausen: Nun, man muss natürlich die Kinder und deren Eltern adäquat ansprechen, auch in ihrer Muttersprache. Selbst der Tennisunterricht erfolgt nicht nur auf Deutsch, wenn es auch eines der Ziele des Projektes ist, dass die Kinder die deutsche Sprache lernen. Die Kinder und Eltern, die an unserem Projekt teilnehmen, sprechen meist sehr gut Deutsch aber manchmal ist es ihnen auch wichtig, in ihrer Muttersprache angesprochen zu werden. Und gelegentlich gibt es ja auch Differenzierungen, die ihnen noch nicht so verständlich sind. Zudem bietet es ihnen ein gewisses Heimatgefühl. Auch das gehört zum Erfolg des Konzeptes: dass man zweisprachig arbeitet und die Kinder nicht einfach ins Deutsche hineinzwingt.
Das Projekt ist noch sehr jung. Welche Resonanz gab es bislang?
Beushausen: Wir haben derzeit ungefähr fünfzehn Kinder im Training. Wir arbeiten bei dem Projekt auch mit dem Grenzdurchgangslager Friedland zusammen; dort kommen die Familien für etwa ein halbes Jahr in einen Integrationsprozess und werden dann in die verschiedenen Bundesländer aufgeteilt. Dort müssen sie sich einen Wohnort und Arbeit suchen. Mit Friedland haben wir ein rollierendes System entwickelt, sodass wir immer neue Kinder für das Projekt vermittelt bekommen, die Spaß am Tennis und am Sport haben. Das funktioniert sehr gut und ist ein wichtiger Teil des Integrationskonzeptes.
Hatten Sie Probleme, Ihren Mitgliedern das Integrationsprojekt nahezubringen?
Beushausen: Nein, Probleme gab es überhaupt nicht. Zumal Russisch ja die heimliche Weltsprache im Tennis ist. Alles was Rang und Namen hat und an der Weltspitze vertreten ist, kommt, wenigstens ursprünglich, aus dem russischsprachigen Raum. Insofern heißt Russisch gutes Tennis – und so kann man das sehr einfach vermitteln. Den Mitgliedern und auch den Migranten. Insofern gab es auch keinerlei Schwierigkeiten, das Projekt in unserem Club umzusetzen; es war vielmehr eine Selbstverständlichkeit.
Hatten Sie denn schon ein Talent dabei? Ein Kind, bei dem man sagen kann, es könnte ein Tennisprofi daraus werden?
Beushausen: Ich glaube, um das zu beantworten ist das Projekt noch zu jung. Es wäre auch falsch, verstärkt auf neue Talente zu achten, darunter würde das Projekt leiden. In erster Linie geht es ja darum, den Kindern Spaß zu vermitteln. Spaß am Sport und Spaß daran, draußen zu sein. Das ist sehr wichtig und wird leider oft verkannt. Tennis ist vor allem ein Außensport, was sich auch daran zeigt, dass immer mehr Tennishallen umfunktioniert werden. Die Leute wollen sich draußen bewegen. Aber auch das muss man vermitteln: Kinder nicht vor den PC, nicht in die Stinkebuden (Fitnessstudios, Anm. d. Red.) sondern raus an die frische Luft und dort einfach Spaß haben. Der Tennissport verfolgt das auch insgesamt: nicht dieses stoische, dieses leistungsorientierte Tennis in der Breite zu vermitteln, sondern das einfache Vergnügen. Das zeigt der Tennissport auch mit vielen verschiedenen Aktionen, wie Beachtennis, Cardiotennis, Tennis mit druckreduzierten Bällen etc.
Wird das alles bei Ihnen im Club angeboten?
Beushausen: Wir bieten einiges davon an, aber nicht alles. Wir können auf unserer Anlage z.B. kein Beachtennis anbieten, weil wir dann einen Platz mit Sand füllen müssten - da unsere Plätze im Wald liegen, würden sich schnell die Rehe und Wildschweine darauf wohlfühlen. Aber Cardiotennis bieten wir an.
Werden für das Cardiotennis extra Plätze freigehalten?
Beushausen: Unserem Trainer und der Tennisschule stehen extra Plätze zur Verfügung, die vorrangig für sie freigehalten werden. Und man sollte für das Cardiotennis auch eher etwas Abstand zu den Leistungsspielern haben, sonst kann es unter Umständen zu Problemen kommen. Durch die Musik zum Beispiel, die zum Cardiotennis dazugehört. Der Tennisspieler an sich ist ein sensibler Mensch (Beushausen grinst). Aber wir stellen auch fest, dass sich mancher Leistungsspieler auch sehr wohl fühlt, wenn er von Musik beschallt wird; da wirkt das dann nicht störend, sondern im Gegenteil: motivierend.
Kommen wir mal auf das Thema Sponsoring zu sprechen: Man sieht in Vereinen oft, dass vor Jahren mal mit Sponsoren zusammengearbeitet wurde, die bedruckten Blenden noch genutzt werden, aber das Sponsoring selbst schon lange eingeschlafen ist. Andere Vereine gehen da sehr akribisch vor und bekommen dadurch auch Geld in die Kasse. Wie funktioniert das so in Ihrem Verein?
Beushausen: Funktioniert schlecht. Ein Grund ist sicher der, dass wir hier in Göttingen eine sehr ausgeprägte Sportlandschaft haben, mit vielfältigen Sportangeboten und einem Verein, der sogar im Profisport zu Hause ist – das sind die Basketballer aus der ersten Bundesliga. Dort zieht es natürlich jeden Sponsor sehr viel stärker hin. Sie können das landauf, landab feststellen: wer sich als kleiner Verein in dieser Region um Sponsoren bemüht, wird meist mit der Aussage konfrontiert, dass man bereits die BG 74 Göttingen unterstützt. Das ist aber nur ein Punkt in Göttingen, der aus meiner Sicht auch eher untergeordnet ist.
Und was ist das Hauptproblem?
Beushausen: Entscheidend ist: wenn Sie als Verein Sponsoren suchen und werben wollen, dann müssen Sie die Mitglieder mit ins Boot nehmen – und das ist sehr schwer. Ein Sponsor erwartet etwas für sein Geld, eine Gegenleistung, und die müssen Sie als Verein erbringen; das kann der Vorstand nicht allein. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Fußball: Da muss die Mannschaft bereit sein, mit Trikotwerbung herumzulaufen und da muss die Mannschaft bereit sein, sich zu präsentieren. Das heißt auch, dass Sie in das Zeitmanagement und die persönlichen Belange jedes einzelnen Mitglieds eingreifen. Bei Mannschaften ist es dasselbe: Wenn ein Sponsor etwa Trainingsanzüge spendiert, auf denen sein Firmenschriftzug zu lesen ist, dann ist das einerseits vom Verein als steuerlicher Aspekt zu berücksichtigen. Zum anderen erwartet der Sponsor vielleicht, dass die Mannschaft sich bspw. auf einem Event des Sponsors sehen lässt.
Meinen Sie nicht, dass sich das organisieren lässt?
Beushausen: Leider nicht. Bei der BG 74 Göttingen ist das sicherlich kein Problem, zumal es entsprechende Vereinbarungen in den Spielerverträgen gibt, aber im Amateursport geht das nicht. Hier sind es immer Good-Will-Aktionen, das macht es insgesamt sehr schwierig. Und der Tennisspieler als solcher ist ohnehin ein Individualist; den für solche Aktivitäten zu begeistern ist meist eher aussichtslos. Aber das ist ein sehr wichtiger Punkt, der den Mitgliedern und auch den Vereinen vermittelt werden muss. Aber ich muss es nochmals betonen: es ist nicht einfach. Unterbreite ich einem Spieler, einen Sponsor gefunden zu haben der erwartet, dass der Spieler in der gesponserten Kleidung am Freitag um 17 Uhr auf dem Event des Sponsors anwesend ist, tja, dann sagt der Spieler, dass er Freitagabend schon etwas anderes vorhat…
Dabei könnte man mit dem Geld aus dem Sponsoring ja wirklich viel Tolles machen. Es etwa in eine neue Linierung investieren, die sicher bei vielen Vereinen mal nötig wäre – und schnell ein paar hundert Euro kostet. Die Mitglieder sind doch auch an anständigen Plätzen interessiert. Zieht ein solches Argument denn auch nicht?
Beushausen: Man müsste schon regional an der Spitze spielen und entsprechende Turniere auf den Plätzen machen, sonst ist eine solche Investition für viele nicht einsichtig. Und auch gute Sponsoren bekommt man nur, wenn der Verein entsprechend positioniert und in der Presse vertreten ist.
Auf Ihren Plätzen gibt es auch Werbung auf den Tennisblenden. Wie sieht es denn hier mit Sponsoren aus?
Beushausen: Unsere Blendenwerbung ist meist von Mitgliedern unseres Vereins, die in den entsprechenden Firmen tätig sind. Göttingen ist, wie gesagt, eine schwierige Werbelandschaft. Zudem liegen unsere Plätze im Landschaftsschutzgebiet. Dort darf man nicht allzu bunt auftreten, das schränkt die Möglichkeiten weiter ein. Grundsätzlich haben Vereine aber schon Interesse an Blendenwerbung. Nur gibt es auch hier wiederum das Problem, dass man als Vorstand alleine dasteht, wenn man einen Entschluss für das Sponsoring fasst. Geht man auf Sponsorensuche, dann muss man genau schauen, ob der Sponsor auch zur Sportart passt. Und ob er sich der Mitgliedschaft auch vermitteln lässt. Schließlich erwartet der Sponsor etwas. Dieses ganze Thema Sponsoring ist eines, das nicht nur den Tennissport, sondern auch anderen Sport und alle Vereine, die auf zusätzliche Gelder angewiesen sind, in nächster Zeit treffen wird.
Haben Sie Ideen für andere Bereiche? Etwa für die Finanzierung der teuren Frühjahrsinstandsetzung?
Beushausen: Ich kann da mal ganz schnell ein Konzept aus dem Ärmel schütteln: Der Tennisplatzhersteller und der Tennisplatzservice suchen sich, wie das in anderen Bereichen üblich ist, einen Sponsor und wickeln mit dem die Anlage und Pflege direkt ab, so dass der Verein gar nichts damit zu tun hat. Das wird ja anderswo genauso praktiziert. Z.B. bei öffentlichen Gebäuden wie Schulen, die eine neue Heizungstechnik anschaffen wollen, aber kein Geld haben. Die suchen sich einen Investor, der das übernimmt und zahlen an diesen eine Miete, statt selbst die hohen Beträge zu investieren. Eine andere Möglichkeit: Vereine vermieten die Dächer ihrer Hallen oder Vereinsheime an die Solarindustrie, die sie für ihre Solarzellen nutzen. Eine gute Möglichkeit für die, die nicht liquide für neue Anschaffungen sind.
Lassen Sie uns noch über allgemeinere Entwicklungen im Tennis und auch in Ihrem Verein sprechen. Wie ist Ihr Verein derzeit aufgestellt?
Beushausen: Wir haben 150 Mitglieder und 7 Plätze. Das ist nicht viel. Nicht viele Mitglieder, aber zu viele Plätze. Wir hatten mal 450 Mitglieder, aber das war vor der Ära, als jedes kleine Dorf seine eigene Tennissparte hatte. Da wurden damals überall zwei Plätze aufgemacht, viele gingen von da an eben in ihrem eigenen Dorf Tennis spielen und die großen Vereine bluteten etwas aus. Dann kam der Golftrend, der ebenfalls viele Mitglieder gezogen hat…
In Deutschland gibt es fast 10.000 Tennisvereine und in fast jedem ist eine Tendenz zu immer noch weniger Mitgliedern zu beobachten. Man hat heute oft den Eindruck, dass die Vereine regelrecht auf einen neuen Boris Becker, eine neue Steffi Graf warten, dabei besteht ein dringender Handlungsbedarf, auch im Marketing- und Sponsoring-Bereich, den Vereinen fehlt das Geld…
Beushausen: Erst einmal gebe ich Ihnen Recht: die Talsohle ist noch nicht durchschritten. Wir haben nach wie vor rückläufige Zahlen im Tennissport. Es ist allerdings eine irrige Meinung, dass mit Graf, Becker oder auch Stich der Tennisboom gekommen ist. Der war, das ist durch Zahlen belegt, viel früher und ging bei Graf und Becker schon wieder zurück. Damals hat man aus meiner Sicht politisch aktuell gehandelt, aber nicht den Zahlen entsprechend, als man überall Tennisplätze gebaut hat, Quantität erhöht und Qualität zurückgefahren hat. Sämtliche Kommunalpolitiker haben damals gesehen: es gibt Gelder, man muss Tennisplätze bauen – und dafür haben sie sich die Krone aufgesetzt. Es wurde ganz schnell aus dem Volleyballspieler, dem Fußballspieler, dem Turner ein Tennisspieler gemacht, den man für Montag auf den Tennisplatz gezogen hat, der aber Dienstag wieder in seiner anderen Sportart unterwegs war. Man hat das Tennis nicht richtig etabliert und hatte auch keine richtigen Konzepte, um es so wie heute zu vermitteln. Dadurch haben viele nach dieser vermeintlichen Boomzeit den Tennisschläger wieder zur Seite gelegt, weil das Spielerlebnis fehlte, das Können fehlte, die Fitness fehlte – damit hatten die kleinen Vereine schnell die Probleme. Aber die Not war nicht groß genug, um z.B. einen Trendsportplatz aus dem Tennisplatz zu machen; man hat das so durchgeschleift und die Tennisplätze wurden grün und unattraktiv. Das sind alles Fakten, warum es im Tennissport abwärts gegangen ist.
Was können Vereine dem Abwärtstrend Ihrer Meinung nach entgegensetzen?
Beushausen: Sie müssen eine gewisse Attraktivität haben. Die fängt beim Spitzensport an, geht über die Anlage, geht über ein attraktives Trainingskonzept - und dann haben sie den Erfolg. Und es ist festzustellen, dass Vereine, die sich solchen Konzepten hingeben, die seit drei, vier Jahren durch die Landesverbände angeboten werden, auch wieder steigende Mitgliederzahlen haben. Mit Programmen wie Tennisfitness gehen die Zahlen wieder aufwärts. Vereine, die das verschlafen, werden es nicht schaffen. Es liegt auch daran, dass die Vorstände jünger werden müssen. Wie soll jemand mit grauen Haaren und grauem Bart, wie soll so jemand so was vermitteln?! Das ist grundsätzlich schwer, deswegen muss das Ehrenamt attraktiver werden, unterstützt werden, denn wir brauchen Leute, die gerne im Ehrenamt arbeiten. Wenn man dieses Engagement entwickeln kann, dann geht es auch weiter. Die Rezepte zum Erfolg sind da, sie müssen nur umgesetzt werden. Die Talsohle ist noch nicht durchschritten, aber man sieht Licht am Ende des Tunnels.
Wie stehen Sie zu der Haltung mancher Vereine, die die Schuld am gesunkenen Tennisinteresse etwa den Medien zuschieben?
Beushausen: Die Medien hüpfen auf alles, was der Zuschauer sehen, der Leser lesen will. Und wenn ich keinen attraktiven Spitzensport biete, dann will das keiner sehen und die Medien kümmern sich nicht drum. Deswegen muss man da oben ansetzen – aber man muss auch unten ansetzen. Es kommt viel nach, auch viele neue Talente, aber die brauchen noch ein bisschen… Ich würde mich viel mehr freuen, würden ein Boris Becker und eine Steffi Graf dem Tennissport etwas davon zurückzahlen, was sie von ihm bekommen haben – statt es am Pokertisch zu verlieren. Und wenn ich mal eben 50.000$ für Anreise und ein Spielchen kassiere und dann wieder wegfahre, hat das nichts damit zu tun, dem Tennissport etwas zurückzugeben. Bei Nicolas Kiefer sieht das z.B. anders aus, er engagiert sich im Niedersächsischen Tennisverband, oder auch Michael Stich. Von ihnen könnten die anderen beiden durchaus was lernen und ein bisschen mehr tun.
Wenn sich die Konzepte der Landesverbände und des DTB durchsetzen, meinen Sie, dass dann die Mitgliederzahlen wieder steigen?
Beushausen: Davon gehe ich ganz fest aus. Aber bis dahin werden bestimmt noch einige Vereine auf der Strecke bleiben.
Das heißt, das ist es letztlich, wo es hingehen muss: Vereine brauchen Konzepte?
Beushausen: Natürlich. Bloß die nötigen Kernkompetenzen, wie die Akquise, die Werbung, das Sponsoring, das sind nicht die Kernkompetenzen der Vereine. Die Vereine haben die Kompetenz, ihr Sportangebot da reinzulegen und das andere, das können sie nicht. Wenn man aber da eingreift, dann funktioniert es auch.

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