Ehrenamt im Wandel

Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, freiwilliges Engagement oder bürgerliches Engagement – alle diese Begriffe meinen im Großen und Ganzen dasselbe. Im Laufe der Zeit hat sich jedoch nicht nur die Begrifflichkeit gewandelt, auch wesentliche Elemente des Ehrenamtes haben sich verändert.

Einen „Tag X“, an dem das Ehrenamt entstanden ist, gibt es nicht. Doch schon in antiken Quellen, wie bei Homer oder in der Bibel, finden sich Hinweise auf „ehrenamtliche“ Tätigkeiten. Religiöse, politische und soziale Motive haben die Menschen schon vor 2.500 Jahren dazu bewogen, sich für bestimmte Aufgaben stark zu machen. Wörtlich greifbar wurde das Ehrenamt in Deutschland im 19. Jahrhundert, während sich das Vereinswesen immer stärker etablierte. Damals wurde die Freizeitgestaltung immer bedeutsamer und es entwickelten sich Gesangsvereine, Spielmannszüge, Karnevalsvereine, Schützen- und Sportvereine. In dieser Zeit engagierten sich vor allem junge Frauen aus gutsituierten Familien im sozialen Bereich, denn sie verfügten über zwei äußerst wichtige Faktoren: Geld und Zeit. So konnten sie es sich leisten, ehrenamtlich tätig zu sein. Diese beiden Faktoren – Geld und Zeit – sind auch heute noch entscheidend für freiwilliges Engagement. Die erste Blütezeit des Ehrenamtes kam während des Nationalsozialismus jedoch zu einem jähen Ende und wurde Opfer von Zäsur und Gleichschaltung. In den 1960er Jahren feierte das Ehrenamt dann ein Comeback: die Menschen engagierten sich in Friedensbewegungen, im Umweltschutz und anderen Bürgerinitiativen. Auch sind seit dieser Zeit immer mehr Vereine entstanden; im Jahr 2005 wurden in Deutschland 594.000 eingetragene Vereine registriert.

Das Ehrenamt war, ist und bleibt wichtig!

Auch heute noch ist es äußerst wichtig, dass es Menschen gibt, die sich auf freiwilliger Basis engagieren. Um den prozentualen Anteil ehrenamtlich tätiger Bürger (Engagementquote) an der Gesamtbevölkerung Deutschlands zu erfassen, gibt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) alle fünf Jahre, zuletzt 2009, den sogenannten Freiwilligensurvey in Auftrag. Demnach waren im Jahr 2009 71% der deutschen Bevölkerung im Dritten Sektor, d.h. in Vereinen, Verbänden u. Ä., aktiv. Zum Vergleich: Im Jahr 1999 waren es 5% weniger. Die Engagementquote, der Anteil freiwillig Engagierter an der Bevölkerung, lag 2009 bei 36% (1999: 34%). Von den 71% hatte somit etwa die Hälfte ehrenamtliche Aufgaben übernommen. Laut dem Freiwilligensurvey sei „das freiwillige Engagement bei Männern, Erwerbstätigen, jungen Leuten in der (verlängerten) Ausbildungsphase, bei höher Gebildeten und bei Menschen mit einem gehobenen Berufsprofil erhöht. Gestiegen ist das Engagement bei Menschen mit Kindern und Jugendlichen im Haushalt (Familien), vor allem aber bei älteren Menschen. Arbeitslose, Menschen mit einfachem Sozial- und Bildungsstatus und solche mit einem Migrationshintergrund üben deutlich weniger als im Durchschnitt der Bevölkerung freiwillige Tätigkeiten aus(…)“.
Die „Shell Youth Studie 2011“ hebt hervor, dass auch das freiwillige Engagement unter Jugendlichen gestiegen ist. Gemäß dieser Studie engagieren sich heute 39% der Jugendlichen in Deutschland auf freiwilliger Basis; Tendenz steigend. Besonders häufig helfen die Menschen, abgesehen von gesundheitlichen und sozialen Bereichen, im Sport. In Österreich hat das Zentrum für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg 2011 einen ersten Freiwilligenbericht vorgelegt. Laut diesem Bericht sind ca. 3 Millionen Österreicher ehrenamtlich tätig, das sind rund 44% der Bevölkerung über 15 Jahre. Davon engagieren sich 475.000 Menschen im Sport. In der Schweiz arbeiten insgesamt ca. 40% der Bevölkerung über 15 Jahre auf ehrenamtlicher Basis. Davon sind die meisten (13%) im Sport engagiert. Allerdings ist die Anzahl der freiwillig Engagierten in der Schweiz laut dem Bundesamt für Statistik und dem Freiwilligenmonitor (Studie zur Erhebung von Daten zur Freiwilligenarbeit in der Schweiz) rückläufig. Im europäischen Vergleich liegen Deutschland, Österreich und die Schweiz hinsichtlich des ehrenamtlichen Engagements weit über dem Durchschnitt, der bei rund 23% liegt. Insgesamt stagniert das bürgerliche Engagement in Europa zurzeit, wenn auch teilweise auf hohem Niveau.
Doch was hat sich im Laufe der Jahre verändert? Wie kommt es, dass die Zahlen rückläufig bzw. stehen geblieben sind? Zum einen haben sich die Motive, die einen Menschen dazu bewegen ein Ehrenamt auszuüben, gewandelt. Früher stand, so lauten jedenfalls viele Theorien, hauptsächlich im Vordergrund, dass man etwas für andere tun wollte. Heute hingegen wolle man laut dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) sowohl etwas für andere als auch etwas für sich selbst tun. Die Engagierten versuchen also, nicht nur anderen zu helfen, sondern auch sich selbst zu verwirklichen und zu entfalten. So spielen zum Beispiel der Kontakt zu anderen Menschen oder die Erlangung bestimmter Referenzen für den persönlichen Lebenslauf eine wichtige Rolle (ähnliche eigennützige Motivationen dürften aber in der Tat auch schon in früheren Zeiten ihren Anteil gehabt haben). Zum anderen konzentriert sich das ehrenamtliche Engagement in der letzten Zeit eher am Rande des Dritten Sektors, d.h. die Menschen helfen lieber in kleinen Vereinen und Initiativen als in großen Organisationen, die ihre Aufgabenbereiche zunehmend „verberuflichen“. Hinderlich wirkt sich auch ein allgegenwärtiger Zeitmangel aus: Nachmittagsunterricht in Schulen, Familien, in denen beide Elternteile voll berufstätig sind, erhöhte Ansprüche des Berufslebens an zeitliche Flexibilität und Mobilität usw. lassen wenig Zeit für freiwillige Arbeit.

Unterstützung, Lob und Anerkennung dürfen nicht fehlen

Um dem Rückgang bzw. der Stagnation ehrenamtlicher Tätigkeit entgegenzuwirken, hat die EU das Jahr 2011 zum „Jahr der europäischen Freiwilligenarbeit“ ernannt. Vor allem im Sport ist die Anzahl ehrenamtlich Engagierter laut dem Freiwilligensurvey von 2009 gesunken. Um ein Beispiel zu nennen: Allein im Bundesland Nordrhein-Westfalen haben sich rund 65.000 Menschen weniger im sportlichen Bereich engagiert, als noch vor fünf Jahren. Das Ehrenamt ist und bleibt wichtig – nicht nur für die Vereine, sondern auch für die Gesellschaft. Deshalb fordert der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Thomas Bach, den Menschen, die sich auf freiwilliger Basis engagieren, Anerkennung und Lob zukommen zu lassen, um sie auch weiterhin für ihre Tätigkeit zu motivieren. Um den 8,85 Millionen Deutschen, die jährlich 37 Millionen freiwillige Arbeitsstunden im Sport leisten, mehr Wertschätzung entgegenzubringen, hat der DOSB die Initiative „Danke! Sport braucht dein Ehrenamt!“ gegründet und verleiht jährlich den Förderpreis „Pro Ehrenamt“ – zum einen, um die Ehrenämtler zu unterstützen und ihre Hilfe zu honorieren und zum anderen, um auch andere auf die Unentbehrlichkeit der freiwilligen Arbeit aufmerksam zu machen und weiteres Engagement zu generieren.
Als weitere Hilfestellung soll das rückwirkend zum 01.01.2007 eingeführte Gesetz „zur weiteren Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements vom 10.10.2007 (§ 3 Nr. 26a EStG)“ fungieren. Diese Ehrenamtspauschale gilt für alle gemeinnützigen Tätigkeiten und deckt Auslagen wie Porto-, Telefon- oder Reisekosten bis zu 500 € pro Jahr steuerfrei ab. Diese Regelung soll dafür sorgen, dass den freiwillig Engagierten kein finanziell „bitterer Nachgeschmack“ bleibt. Ein weiteres unterstützendes Modell für Sportvereine bietet der Komplex der verschiedenen Freiwilligendienste im Sport, in den der Bundesfreiwilligendienst (BFD) und das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) zählen. Hinzu kommen Internationale Freiwilligendienste wie der EFD (Europäischer Freiwilligendienst). Ein neues Modellprojekt der Deutschen Sportjugend, das Projekt JETST! (Junges Engagement im Sport) wird derzeit in Zusammenarbeit mit dem BMFSFJ evaluiert und ausgebaut.▪ JBO

Deine RETURNAL Redaktion

Die Datenschutzbestimmungen habe ich zur Kenntnis genommen.

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel