Berliner Schlittschuh-Club vor Auflösung

Dass die Probleme nach der Insolvenz nicht immer vorbei sind, zeigt der Fall des Berliner Schlittschuh-Club e.V. Trotz erfolgreicher Sanierung stellt der seit 1893 bestehende Traditionsverein seinen Spielbetrieb in diesem Jahr ein, drei Jahre nach der Insolvenz. Der 1. Vorsitzende Jörg Kühnast hat die Situation und die Gründe im Gespräch mit der RETURNAL(-Redaktion) dargestellt.

Tennisclubs haben es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt. Immer mehr bangen um ihre Existenz, immer mehr müssen Insolvenz anmelden. Mit dieser Situation sah sich 2007 auch der Berliner Schlittschuh-Club konfrontiert. Die Eissportabteilung des Clubs, bis zu dem Zeitpunkt ein elementarer Bereich des Vereins, spaltete sich in dem Jahr bereits aus Kostengründen ab. Um die große Tennisabteilung und die verbliebenen Kampfsportler des Vereins zu retten, wurde eine sogenannte Planinsolvenz durchgeführt. So konnte der Spielbetrieb trotz Insolvenzverwaltung weitergeführt werden. Dies geschah mit Zustimmung des Landes Berlin, Eigentümer des Clubhauses und Verpächter der Anlage. 2009 galt der Club schließlich als saniert. Doch sein Clubhaus mit einem kleinen dazugehörigen Grundstück fiel aufgrund des Erbbaurechts durch die Insolvenz an den Eigentümer, das Land Berlin, zurück. Der Pachtvertrag für das Gelände mit über 17.000 m², auf dem sich die Anlage befindet, lief noch bis Ende 2011.
Trotz der Bemühungen des Vereins erhielten die Berliner Tennisfreunde keine Verlängerung oder Erneuerung der Verträge. Stattdessen bemängelte das Land Berlin, dass der Verein mit 350 Mitgliedern im Verhältnis zur Größe der Anlage nicht genügend Mitglieder habe.

Mitgliederzahlen zu gering

Im Jahr nach einer Insolvenz ist so eine Situation allerdings nicht ungewöhnlich. „Wir sind einerseits durch die Planinsolvenz erhalten und andererseits jetzt trotzdem vernichtet worden. Ja, im Prinzip ist es so, dann hätten wir keine Planinsolvenz gebraucht, dann hätte man den Schlittschuh-Club gleich auflösen können“, beschreibt Jörg Kühnast die Situation. Der Aufbau und Neuanfang nach einer Insolvenz braucht eine gewisse Zeit. Die sportpolitischen Sprecher aller Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung hatten sich in einer Beschlussempfehlung für die Sicherung der wirtschaftlichen und der sportlichen Existenz des Schlittschuh-Clubs ausgesprochen. Das Bezirksamt sollte in Zusammenarbeit mit dem Verein insbesondere die Tennisabteilung sowie Kooperationen mit Schulen fördern und sichern und die erneute Pachtung des Clubhauses ermöglichen. Dass es sich nur um eine Empfehlung und nicht um eine Verfügung handelte, war den Verantwortlichen des Schlittschuh-Clubs damals nicht bewusst. Daher wurde, das Schreiben der sportpolitischen Sprecher im Hinterkopf, ein Darlehen von 104.000 Euro aufgenommen, um die in der Insolvenzzeit verkaufte 3-Feld-Halle zurückzukaufen. Von dem Geld wurden ebenfalls drei Rebound-Ace-Plätze gebaut, die in Berlin bis dato einmalig waren. Darlehensgeber und -berater war Kühnast selbst.

Fusion kommt nicht zustande

Er berichtet auch von einer 2010 geplanten Fusion mit den Wasserfreunden Spandau 04 e.V. Der Schwimmverein, der auch über eine Tennisabteilung verfügt, forderte vom Land Berlin den Bau eines Schwimmbades auf der Anlage. Obwohl im Amt lange im Gespräch, wurde die Finanzierung des Schwimmbades im Dezember 2010 abgelehnt, wodurch die Fusionspläne nicht weiter verfolgt werden konnten. Der Club wurde stattdessen vom zuständigen Stadtrat Reinhard Naumann zu einem Aufbaukonzept aufgefordert, welches Kühnast in Zusammenarbeit mit dem Verein im Januar 2011 vorlegte. Dieses sowohl wirtschaftliche als auch sportliche Aufbaukonzept beinhaltete die Investitionen des Vereins in Höhe von 300.000 Euro und zeigte Planungen zur Mitgliedergewinnung auf. Dazu gehörte etwa der Kauf des kommerziellen Fitnessclubs mit 400 Mitgliedern auf dem Gelände des Vereins. Dieser sollte in einen gemeinnützigen Sportverein oder eine gemeinnützige Fitnessabteilung des Schlittschuh-Clubs umgewandelt werden. Damit wäre der Verein auch den Forderungen des Bezirksamtes nachgekommen. Auch die Wiederinbetriebnahme eines stillgelegten Schwimmbades hatte Kühnast eingeplant. Neben dem auf mehrere Jahre ausgelegten Konzept war es den Trainern des Clubs 2011 gelungen, eine Jugendabteilung zu gründen und auf diese Weise innerhalb von drei Monaten 80 neue Mitglieder zu gewinnen. Nach Schätzungen von Kühnast hätte die Zahl der Mitglieder des Schlittschuh-Clubs innerhalb weniger Jahre auf 1000 ansteigen können. Um die Pläne auch umsetzen und weitere Darlehen aufnehmen zu können, hätte der Verein jedoch Planungssicherheit und dementsprechend einen Pachtvertrag für mehrere Jahre benötigt, sowohl für das Gelände, als auch für das Clubhaus. Die zugesagte Stellungnahme innerhalb von vier Wochen blieb aber aus und drei Monate später wurde dem Verein das Gelände ohne Angabe von Gründen gekündigt.

Klage gegen Kündigung

Da der Schlittschuh-Club die Kündigung des Pachtvertrags als unrechtmäßig empfand, reichte er dagegen Klage ein. Eine gerichtliche Verfügung ermöglichte die Nutzung des Clubhauses, der Bezirk klagte daraufhin auf Räumung. In erster Instanz unterlag der Verein. Das im Mai 2012 gefällte Urteil beinhaltete allerdings mehrere Tenöre. Die Räumung des Clubhauses, die Räumung des Geländes und der Abriss der Baulichkeiten wurden unterschiedlich behandelt. Da der Verein gegen die Räumung des Clubhauses eine Summe von 37.150 Euro hätte hinterlegen müssen und drei Jahre lang nur „geduldet“ worden war, akzeptierte er das Urteil und räumte selbst vor dem Räumungstermin. Auf dem Gelände befinden sich jedoch Baulichkeiten, die dem Verein gehören. Diese mussten aufgrund des Erbbaurechtsvertrages errichtet werden. Bei Kündigung hätte der Verpächter angeben müssen, wie der Verein das Grundstück hinterlassen soll, dies ist jedoch nicht geschehen.

Gute Chancen vor Gericht

Da der vor Gericht vorliegende Vertrag angab, dass das Grundstück unbebaut sei, hatte der Richter dem Verein keine Entschädigung oder Vergütung für das Eigentum zugesprochen. Die Gebäude und Plätze sind aber nachweislich vorhanden. Daher sind die Chancen des Clubs bei der Berufung vor dem Kammergericht sehr gut. Der frühestmögliche Termin ist für Ende 2013 zu bekommen. Das weitere Vorgehen des Vereins ist abhängig von der Richtung des Urteils. Bei Abrisspflicht wird der Schlittschuh-Club auf Entschädigung klagen, wenn die Baulichkeiten stehen bleiben sollen, klagt er auf Abfindung.

Spielbetrieb wird eingestellt

Da sich der Verein bis zum Berufungstermin jedoch nicht der Räumung widersetzen kann – hierfür müssten fast 85.000 Euro hinterlegt werden – hat der Verein auf einer Versammlung im Januar dieses Jahres die Einstellung des Tennisspielbetriebs zum 30. April beschlossen. Nach der Kündigung des Pachtvertrags 2011 sind in den letzten beiden Jahren über 200 Mitglieder ausgetreten, sodass nur noch knapp 100 verblieben sind. Dies reicht für die Bewirtschaftung des Vereins hinsichtlich der laufenden Kosten nicht aus, zumal er kein Clubhaus mehr hat. Mithilfe des erhofften Schadenersatzes aus dem Urteil des Kammergerichts und dem Vorgehen gegen andere säumige Zahler will sich der Verein so weit wie möglich entschulden. Die letzte bestehende Mannschaft des Schlittschuh-Clubs wurde bereits an einen anderen Verein vermittelt. Den verbliebenen Mitgliedern wurde ein Wechsel zu den Wasserfreunden Spandau 04 nahegelegt, damit sie eine gesicherte Anlage für dieses Jahr haben. Dies kann der Schlittschuh-Club nicht mehr gewährleisten. Bis zum 30. April ist jedoch die feste Halle des Vereins noch vermietet und solange will sich der Verein auch noch einer Räumung widersetzen bzw. selber räumen und alle beweglichen Güter so weit wie möglich verkaufen, verschenken oder entsorgen.
Die Kündigung des Pachtvertrags für das Gelände beschreibt Kühnast als Zusammenwirken von Pro Sport Berlin 24 e.V., dem damaligen Stadtrat Naumann und dem ehemaligen Vorsitzenden des Schlittschuh-Clubs, Peter Neumann.

Gesundheitszentrum statt Tennisverein

Letzterer habe Pro Sport 24 zugesichert, dass sich der Schlittschuh-Club auflösen werde und die Baulichkeiten im Zeitwert von 400.000 Euro dem Verpächter – und damit dann Pro Sport 24 – kostenlos zufallen. Der Schlittschuh-Club würde so mit seinen Schulden zurückbleiben, ohne etwas erstattet zu bekommen. Pro Sport 24 plant auf dem Gelände die Errichtung eines Gesundheitszentrums. Zwei dieser Einrichtungen betreibt der professionelle Großverein bereits erfolgreich. Der zugesicherte Pachtvertrag sei sehr preiswert, so Kühnast, „und dieses Gesundheitszentrum, das wird denen sozusagen mundgerecht hergerichtet und dann ist das wie eine Gelddruckmaschine“. Für den Verpächter ist dies ein geringeres Risiko als ein Tennisverein, der bereits einmal insolvent war. In den Haushaltsplanungen für 2012 waren für den Umbau bereits 570.000 Euro vorgesehen, mittlerweile seien es 1,1 Millionen. Pro Sport 24 hatte dem Verein zugesichert, dass es weiterhin möglich sei, auf der Anlage Tennis zu spielen. Die Mitglieder des Schlittschuh-Clubs hätten dort eintreten und ihre gewohnten Plätze nutzen können – für viele ein kleiner Trost. Gerüchte, die ein Ende des Tennisbetriebs auf dem Gelände befürchten ließen, dementierte der Geschäftsführer von Pro Sport 24. Trotzdem lehnte er es ab, sich die beweglichen Güter des Tennisbetriebs, wie Netze, Walzen usw., die für den Tennissport benötigt werden, schenken zu lassen. Dies ist für Kühnast ein klares Zeichen, dass auf der Anlage kein Tennis mehr stattfinden wird. Die Berliner Medien hatten bereits vor ein paar Monaten über die Vorgänge berichtet. Nach dem ersten Urteil ließ das öffentliche Interesse jedoch nach. Auch Kühnast ergriff schließlich keine Initiative mehr: „Ich kann ja nichts mehr bewirken. Was soll ich jetzt noch bewirken, hinterher. Die Fakten sind klar, es geht um den zu erwartenden Rechtsentscheid, die Berufung vor dem Kammergericht.“

Auch vereinsinterne Querelen

Doch nicht nur nach außen musste der Verein standhalten. Auch in der inneren Struktur gab es Probleme. So habe der Vorgänger im Amt des Vorsitzenden, Peter Neumann, Verhandlungen ohne Wissen des restlichen Vorstands abgewickelt, wie etwa die Auflösung des Vereins. Im Herbst 2011 wurde Neumann abgewählt, widersetzte sich aber, sodass der Club einen Notvorstand einrichten musste. Des Weiteren verweigerte er die Offenlegung eines Hallenkontos, welches er in der Insolvenzzeit treuhänderisch verwaltete, da der Verein kein eigenes Konto besitzen durfte. Erfolgreich klagte der Verein und wird die Offenlegung nun gerichtlich einfordern. Benötigt wurde das Konto für die Steuererklärung 2009. Die Erklärung kann erst in diesem Jahr eingereicht werden und so fehlen Steuererstattungen aus dem Jahr 2009, in Höhe von ca. 15.000 Euro, bis heute. Zudem erhielt Neumann eine Strafanzeige von Kühnast, wegen Verdacht auf Untreue, Betrug und Urkundenfälschung. Auch der Vorwurf der ungerechtfertigten Bereicherung steht im Raum, da Neumann zu keiner Zeit befugt war, sich – häufig fragwürdige – Belege erstatten zu lassen. Dies ist laut Vereinssatzung nur dann zulässig, wenn es die wirtschaftliche Lage des Vereins erlaubt. In Zeiten der Insolvenz und auch danach war das nicht der Fall.

Entscheidung schmerzt

Mittlerweile haben sich der Schlittschuh-Club und auch Kühnast damit abgefunden, dass der Verein bald nur noch besteht, um sich entschulden zu können. Leicht nehmen sie es jedoch nicht: „Ich meine, mir tut‘s auch weh. Ich bin Sportler, mein Leben lang, aber wenn ich sehe was hier läuft und gelaufen ist. Die Menschen und der Sport, die leiden darunter. Unter der Politik, unter der Geschäftemacherei im Sport und, ja, unter der vermutlichen Vorteilnahme von Einzelnen.“

Foto: ©Berliner Schlittschuh-Club e.V. 
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