Tennis@School?

Daniel Gerl - Voigt Realschule GöttingenDie Voigt-Realschule Göttingen fährt das Konzept der offenen Ganztagsschule und bietet ihren Schülern zweimal wöchentlich frei wählbare Nachmittagskurse an. Ob Tischtennis, HipHop-Dance oder Kunst-AG, rund 25% der 750 Schüler nutzen dieses Angebot. Daniel Gerl beschreibt, wie für die Nachmittagskurse Kooperationen mit Sportvereinen zustande kommen und warum die Verankerung von Tennis in den Kerncurricula allein nichts bringt.

Herr Gerl, Sie sind Koordinator der Ganztagsbetreuung. Was genau heißt das?
Gerl: Als Koordinator bin ich sozusagen die Schnittstelle zwischen Schule und Verein. Ich bin für die Akquise zuständig und schaue, welche Kurse laufen, welche nicht und welche wir noch aufnehmen könnten. Dabei bekomme ich Unterstützung von unseren Sozialarbeitern. Sie sind Ansprechpartner für die Schüler und Betreuer und kontrollieren z.B., ob Anwesenheitslisten geführt werden. Denn die Kurse sind zwar freiwillig, nach der Anmeldung aber verpflichtend für die Schüler.
Welche Kurse werden denn derzeit angeboten?
Gerl: Das sind ganz unterschiedliche AGs, derzeit insgesamt zehn. Fünf davon sind Sportkurse. Es läuft zurzeit je ein Fußball-Kurs für Jungen und für Mädchen, außerdem Basketball und eine sehr gut besuchte Tischtennis-AG. Wie viele Kurse insgesamt angeboten werden, ist natürlich auch eine Budgetfrage, aber bisher passte es bei uns ganz gut. Damit eine AG überhaupt stattfinden kann, müssen sich mindestens zehn Schüler dafür anmelden. Daher laufen Kooperationen mit Vereinen auch zunächst unter Vorbehalt, bis wir wissen, ob der Kurs zustande kommt oder nicht.
Das heißt, die Schüler entscheiden, welche Kurse laufen?
Gerl: Genau. Das ist der große Vorteil an unserem System und der Unterschied zur festen Ganztagsschule, wo sie ein Angebot wählen müssen. Da mag man vielleicht Sachen für sich entdecken, die man sonst nicht ausprobiert hätte, aber bei uns kommen die Schüler aus eigenem Interesse - sei es nun ein kreativer Kurs wie unsere Kunst-AG oder eine bestimmte Sportart.
Werden alle freien Sportkurse an Ihrer Schule im Rahmen einer Kooperation angeboten?
Gerl: Die Tischtennis-AG läuft als Kooperation mit dem Kreisverband. Dort gibt es einen FSJler, der leitet an mehreren Schulen Tischtennis-Kurse und bei uns eben die AG. Was übrigens super funktioniert, weil er sehr zuverlässig ist. Fußball und Basketball fingen als Kooperationen an, derzeit leiten allerdings Honorarkräfte und unser Sozialarbeiter die Kurse. Generell haben wir ein großes Interesse daran, mit Vereinen zusammenzuarbeiten, damit wir unseren Schülern ein breit gefächertes Kursangebot vorlegen können. Außerdem werden Lehrer und Sozialarbeiter entlastet, da dann jemand vom Verein für die Leitung zuständig ist. Das sind in der Regel geschulte Betreuer, die sich im Bereich der Jugendleitung auskennen. Junge FSJler, wie bei unserer Tischtennis-AG, sind ebenfalls gut geeignet. Zu jung sollte ein Betreuer aber nicht sein. Wir hatten mal einen Leiter, der war selbst noch Schüler, das hat nicht in allen Belangen funktioniert.
Wie kommt so eine Kooperation mit Ihrer Schule zustande?
Gerl: Meistens kümmere ich mich selbst darum, auch durch Anregungen, die ich von unseren Schülern bekomme. Aber es kommen auch viele Vereine auf mich zu. Unser Tischtennis-Kurs ist so entstanden. Anfangs lief der schon gut, aber dann hat es sich rumgesprochen und jetzt nehmen noch deutlich mehr daran teil. Einige Vereine sind sehr offensiv wenn sie uns ansprechen, sie setzen ein richtiges Anschreiben auf und kommen uns sehr entgegen. Für mich ist natürlich interessant zu sehen, wie so eine Anfrage vorbereitet ist. Manche fragen nur unverbindlich an und weil dann vereinsintern nichts geklärt ist, verläuft das leicht wieder im Sande.
Also sollte ein Konzept im Verein vorhanden sein?
Gerl: Auf jeden Fall. Und es sollte eine konkrete Person geben, die den Kurs durchführt und mit der alles besprochen wird. Der Verein muss bedenken, dass er - bzw. der Übungsleiter - die Verantwortung für den Kurs übernimmt. Ich kann jedem Verein nur raten, dass er sich überlegt, was er machen möchte und das durchstrukturiert. In dieser Aufteilung liegt aber auch der Vorteil für die Vereine: Jemand, der durch einen Kooperationsvertrag angestellt ist, ist nämlich nicht an die Weisung der Schule gebunden. Das bedeutet, dass der Übungsleiter für den Inhalt des Kurses zuständig ist, die Schule gibt keinerlei Inhalte vor. Natürlich erfolgt eine Absprache mit der Schule, aber es soll eben auch ein bisschen wie im Vereinstraining sein. Der Übungsleiter schaut sich die Gruppe an und fragt sich, was kann sie leisten, auf welchem Niveau kann ich mit ihr arbeiten.
Was muss ein solches Konzept letztlich enthalten?
Gerl: Das kommt auf die Sportart an. Wenn es was Neueres, wie z.B. Waveboarden oder Speed Badminton ist, sollte das den Schülern vorab vorgestellt werden, etwa durch einen Schnuppertag. Außerdem muss klar sein, für welche Altersklasse der Kurs sein soll. Ganz wichtig ist auch eine attraktive Gestaltung der AG. Mit manchen arbeiten wir nicht mehr zusammen, weil das von den Schülern einfach nicht angenommen wurde, das war zu langweilig. Wichtig ist, dass sich der Übungsleiter der Pflichten bewusst ist, die auf ihn zukommen. Zum Beispiel muss er flexibel sein. Wir hatten manchmal Probleme mit externen Betreuern, weil die sich nicht an die Schulzeiten halten konnten oder wollten. Zuverlässigkeit ist deswegen ein ganz wichtiger Punkt, übrigens auch im Hinblick auf die Finanzierung.
Wie sieht denn der finanzielle Rahmen einer Kooperation mit Ihrer Schule aus?
Gerl: Wir zahlen nur die Stunden, die tatsächlich gegeben werden. Für die Sportkurse stehen 11-12 € pro 45 Minuten zur Verfügung. Ein Kurs findet einmal pro Woche für 90 Minuten statt. Hier muss der Verein allerdings aufpassen, dass er nicht ungewollt ein langfristiges Arbeitsverhältnis schafft. Wir bezahlen nicht direkt den Übungsleiter, sondern den Verein, der wiederum den Betrag an den Übungsleiter auszahlt oder, wie beim FSJ, damit die Stelle refinanziert. Aber die Landesschulbehörde prüft ohnehin jeden einzelnen Vertrag, damit alles seine Ordnung hat. Versichert sind die Schüler weiterhin über die Schule. Übrigens auch, falls ein Kurs auf dem Vereinsgelände stattfindet.
Es heißt, dass Tennis schon lange in den Kerncurricula der Schulen verankert ist. Tennis ist also im regulären Sportunterricht vorhanden?
Gerl: Nein, Tennis ist an unserer Schule gar nicht vorhanden. Man könnte es im Bereich der Rückschlagspiele durchführen, aber da spielt man eher Badminton oder Tischtennis. Wir haben auch einfach nicht die Möglichkeiten, Tennis im Unterricht richtig umzusetzen, weil wir nicht so viele Plätze aufbauen können, um 30 Schüler spielen zu lassen. Was neben dem Platz fehlt, sind Schläger. Unser Tischtennis-FSJler hat z.B. einen Koffer mit Schlägern und Netzen vom Kreisverband bekommen. Da er an mehreren Schulen tätig ist, rentiert sich das auch. Man braucht ja kein Profi-Equipment, Netze für Tennisübungen in der Sporthalle z.B. können improvisiert werden.
Fragen die Schüler nach Tennis?
Gerl: Ich kenne aus meinen Klassen niemanden, der Tennis spielt und es erkundigt sich auch niemand danach. Das scheint mir sowieso häufig auch eine Frage der Herkunft zu sein, Tennis hat immer noch etwas Elitäres an sich. Unsere Schüler spielen eher Fußball, Basketball oder machen Judo oder Karate. Allerdings hat uns auch noch kein Tennisverein angesprochen…
Es gibt z.B. den Topspin Schultennis Cup, da können viele Schüler an einem Tag in den Tennissport hineinschnuppern. Wäre das eine Idee?
Gerl: Davon habe ich noch nie gehört, aber ein solcher Aktionstag wäre durchaus möglich. Ähnliche Tagesaktionen hatten wir bereits im Bereich HipHop-Dance. Auch kenne ich die Aktion „Veilchen@School“, bei der die Basketballprofis der BG Göttingen für einzelne Sportstunden an die Schulen kommen. Ich habe neulich von Speed Badminton gehört, das würde sich vielleicht ebenfalls anbieten, zumal es auch in der Schulsporthalle einfach durchzuführen ist. Grundsätzlich ist alles denkbar.

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