Talentförderung im Tennis

Die Sichtung und Förderung von Nachwuchsspielern durch den Verein

"Die Karriere steht den Talenten offen, ohne Rücksicht auf Herkunft oder Vermögen" (Napoleon Bonaparte, 1769 - 1821)

W as sich einst Napoleon als Maxime setzte, gilt es auch heute im Sport umzusetzen. Dass Hochleistungssport mittlerweile zu einem unverzichtbaren Bestandteil unserer Gesellschaft und einer tragenden Säule des Sports avanciert ist, sei unbestritten. Bis der Einzelne jedoch im Feld des Leistungssports angekommen ist, vergeht eine lange Zeit. Und es gilt wie überall: früh übt sich! Beim Blick auf die Entwicklung des Leistungstennis der vergangen Jahre fällt auf, dass die Karrieren immer früher beginnen. Zudem erfordern sie einen immer höheren Zeit- und Trainingsaufwand. Um den Anschluss an die Spitze des internationalen Tennissports zu erreichen, ist aber (zum Glück) nicht jedes Mittel recht. So vermerkt der Deutsche Sportbund (DSB) in seinem Konzept für den Nachwuchsleistungssport 2012 deutlich, dass der leistungssportliche Nachwuchs „mit dem eindeutigen Bekenntnis zu den ethischen Prinzipien eines humanen Leistungssports [und] zum Primat der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen“ gefördert werden soll. Es soll ein manipulations- und dopingfreier Leistungssport praktiziert werden. Einen wesentlichen Beitrag zum DSB-Förderungskonzept leisten durch Talentsichtung und Förderung die Sportvereine.

Maßnahmen im Bereich Talentsichtung

Kooperation mit der Schule: Einbindung der Schule in Talentsuche und
Talentförderung
Maßnahmen auf Vereins- und Verbandsebene: attraktive Sportangebote,
Schnupperkurse, ‚Talentiaden‘, Aktionstage, Ferienfreizeiten etc., die bei Kindern
Interesse wecken und sie langfristig an den Verein binden
Sichtungskriterien: Anwendung von Kriterien, nach denen talentspezifische
Auswahlentscheidungen getroffen werden
Sichtungsinstanzen: Durchführung der Sichtung und Auswahl durch qualifizierte
Trainer/Übungsleiter in Sportvereinen und Schule

Quelle: Anthes/Güllich/Emrich: Talentförderung im Sportverein. Teil 1: Vereins- und Mitgliederstruktur, S.37.

Ohne Talentsuche keine Talentförderung

Den Sportvereinen fällt die Kompetenz zu, flächendeckend nach talentierten Nachwuchsportlern zu suchen, sie kontinuierlich in das System des Sports einzubinden und altersangemessen an den Wettkampfsport heranzuführen. Vereine sichern zudem den Großteil des Trainings und der Nachwuchs nimmt aktiv an der Vereins- und Trainingsgemeinschaft teil. Nicht selten bleiben daher die Vereine für ihre Talente vom Eintritt bis zum Olympiasieg eine sportliche Heimstätte. Als ergänzende Möglichkeit zur Talentsuche kann das Talent-Scouting betrachtet werden, das auf den gezielten Einsatz von Talent-Scouts setzt.
Der Altersbereich der eigentlichen Talentsuche liegt im Allgemeinen zwischen dem 10. und 15. Lebensjahr, erste Sichtungen können aber bereits bei Kindern zwischen 6 und 8 Jahren durchgeführt werden. Zu den allgemeinen Sichtungskriterien gehören neben Begeisterungsfähigkeit und Interesse am Sport auch Leistungsbereitschaft sowie Lern- und Leistungsfortschritte. Darüber hinaus sind Leistungsfähigkeit, Bewegungsbegabung und körperbauliche Voraussetzungen gewünscht.

Was von den Vereinen erwartet wird

Um das hohe und zeitgemäße Niveau der vom DTB/DSB geforderten Nachwuchsförderung erreichen zu können, müssen Vereine Kindern und Jugendlichen ein attraktives Angebot an Übungs-, Spiel- und Trainingseinheiten anbieten. Dieses soll vorwiegend auf den zukünftigen Wettkampf- und Leistungssport ausgerichtet sein. Vereine müssen aber stets auch die vereinsinternen Grenzen der Möglichkeiten aufzeigen. Den Nachwuchsathleten sind Informationen und Hilfestellungen zu geben, wenn es um die Suche eines anderen Vereins geht, der einer Hochleistungssportkarriere adäquater gerecht werden kann. Dies setzt eine schrankenlose Zusammenarbeit sowohl zwischen den Vereinen, als auch mit den Verbänden und dem DTB voraus.

Ist Nachwuchsförderung gleich Nachwuchsförderung?
Vereinsspezifische Faktoren

Tennisvereine sind Organisationen, die sich auf sozialer Ebene (Größe, Alter, Sparten, Mitgliederstruktur usw.) sehr stark voneinander unterscheiden können. Entsprechend können auch die Mittel (materielle sowie immaterielle) und Leistungen für die Nachwuchsförderung stark variieren. Neuere Studien haben sich mit der Abhängigkeit der Vereins- und Mitgliederstruktur eines Vereins und der dort betriebenen Talentförderung beschäftigt. Herausgearbeitet wurden fünf vereinsspezifische Faktoren, die sich auf die Qualität der Nachwuchsförderung auswirken können:
Die ökonomische Einflussgröße: Sie beinhaltet die personellen (Trainer, Übungsleiter usw.), materiellen (Sportgeräte, Bekleidung etc.) und finanziellen (Kosten f. Wettkämpfe o.ä.) Ausgaben. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich der Bereich der Talentförderung für den Verein kostenintensiver gestaltet, als z.B. Angebote im Breitensportsektor. Eine idealtypische Nachwuchsförderung ist v.a. durch eine entsprechende Umverteilung der Mitgliedsbeiträge finanziell zu realisieren. Prinzipiell kann davon ausgegangen werden, dass mit der Menge der investierten Mittel die Qualität der Talentförderung steigt. Der häufig postulierte Konflikt aufgrund ungleich auf Breiten- und Leistungssport verteilter Mittel konnte übrigens bis heute nicht nachgewiesen werden.
Die Orientierung eines Vereins am Leistungssport: Die Gestaltung der Nachwuchsförderung hängt z.T. davon ab, in welchem Maße sie als Bestandteil der Identität und Selbstdarstellung des jeweiligen Vereins betrachtet wird. Studien zufolge nimmt der Punkt Nachwuchsförderung innerhalb der Selbstpräsentation von Sportvereinen den zweiten Platz ein. An erster Stelle steht die Konstitution des Vereins als Solidaritätsgemeinschaft. Das vereinsinterne Selbstverständnis spiegelt sich mitunter in einem vielseitigen und qualitativ hochwertigen Sportangebot wider, was wiederum für die Vereinswahl der jungen und leistungsorientierten Athleten eine wesentliche Rolle spielen dürfte.
Die Mitgliederstruktur des Vereins: In ihr ist die Voraussetzung für die Talentförderung verankert, denn umso höher die Zahl von jungen Vereinsmitgliedern, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, junge Talente zu entdecken. Auf der anderen Seite kann auf ökonomischer Ebene eine sehr hohe Anzahl an Kindern und Jugendlichen aufgrund der üblichen Staffelung der Mitgliedsbeiträge nach Altersklassen zu Negativerscheinungen im Bereich der Finanzierungsmöglichkeiten für Nachwuchsspieler führen.
Die Nutzungsmöglichkeiten von Sportstätten: Zur Realisation der als erforderlich angesehenen Trainingseinheiten im Kinder- und Jugendalter muss zum einen eine ausreichende Anzahl von Trainern und Übungsleitern mit einem ausreichenden Zeitbudget zur Verfügung stehen. Zum anderen muss für eine adäquate Verfügbarkeit von Spielstätten auch außerhalb der festen Trainingszeiten Sorge getragen werden. Nur so kann der Nachwuchs auch frei und nach eigenem Ermessen sein Können weiter schulen.
Betreuungsleistungen, Trainersituation und Professionalisierungsgrad: Die Qualität der Betreuungsleistungen ist maßgeblich für die Nachwuchsförderung innerhalb des Tennisvereins. Für die Umsetzung sind vorrangig die hauptamtlichen Nachwuchstrainer verantwortlich. Entsprechend haben Vereine mit einem höheren Professionalisierungsgrad günstigere Konditionen für eine optimale Nachwuchsförderung. Darüber hinaus gibt es kompetenzunabhängige Faktoren, die für eine hochwertige Förderung von Bedeutung sind. Dazu gehören ein hohes Engagement der Trainer und Übungsleiter sowie eine adäquate Betreuung von Talenten in Kooperation des Vereins mit Schulen.

Nicht-vereinsspezifische Faktoren der Förderungsqualität

Neben den Faktoren des Vereins wirken externe Größen auf die talentbezogene Förderung ein:
Der sozial-familiäre Faktor: Eine wesentliche Variable für den Einstieg in den Leistungssport bilden die Anregung und positive Einstellung der Familie (v.a. des Elternhauses). Sowohl die Eltern als auch das weitere soziale Umfeld fungieren als Stützsystem für den Nachwuchssportler. Ihr Engagement hat im gesamten Nachwuchsalter eine entscheidende Wirkung.
Der gesellschaftliche Faktor: Auch die gesellschaftlichen (national-kulturellen) Rahmenbedingungen üben Einfluss auf die Erfolgswahrscheinlichkeit des einzelnen Sportlers und die Sportkultur seines Heimatlandes aus. Zu diesen Einflussgrößen zählen etwa die Wirtschaft in ihrer Funktion als Sponsor und Kooperationspartner, die Massenmedien als Mediator sportlicher Interessen und die Beschaffenheit des Bildungs- und Erziehungssystems.

Von der Theorie zur Praxis

Die Talentförderung gilt es in Zusammenarbeit mit den Landesverbänden und schließlich dem DTB in die Tat umzusetzen. Hierfür stellen einige – wenn auch bei Weitem nicht alle – Verbände Förderkonzepte auf ihrer Internetpräsenz vor. Sie bilden die Grundlage für eine moderne und zukunftsorientierte Umsetzung der Talentförderung. Abgesehen von ein paar regionalen Verschiedenheiten ist der wesentliche Inhalt und Aufbau der Konzepte gleich. Die Ziele decken sich im Großen und Ganzen mit den bereits genannten Aufgabenbereichen der Tennisvereine:

  • Sichtung und Förderung möglichst vieler Spieler/innen, die über vielversprechendes Potential verfügen
  • Gewährleistung eines optimalen, leistungsorientierten Trainings über alle Altersklassen hinweg
  • Schaffung eines einheitlichen Förderniveaus innerhalb des Verbandes
  • Heranführung talentierter Nachwuchsspieler an den Leistungssport

Die vier Förderstufen

Organisatorisch ist die Leistungssportförderung in vier Stufen untergliedert. Angefangen von der ersten Förderstufe, die die Sichtung und das Grundlagentraining beinhaltet, über die zweite Ebene mit einem erweiterten Grundlagen- und nachfolgendem Aufbautraining. Förderabschnitt drei setzt sich aus dem Aufbau- und Leistungs-
training zusammen. Die vierte und letzte Stufe des Entwurfes beinhaltet das Hochleistungstraining und die eigentliche Profisportförderung. Zwischen den einzelnen Ebenen gibt es mittlerweile Übergangsstufen, die die teils abrupten Übergänge abmildern. Mit aufsteigendem Grad wechselt dabei die Zuständigkeit der jeweils beteiligten Organisationen und Personen. In den Konzepten ist ebenfalls festgelegt, welche Altersklasse und welcher Kader dem jeweiligen Förderungsgrad zugeschrieben werden kann und wie hoch Trainingsumfang und Anzahl der zu absolvierenden Matches sein sollten, um die Voraussetzungen für den Aufstieg in ein höheres Stadium zu schaffen.

Sportliche, medizinische und gesundheitskritische Aspekte

In den Nachwuchsförderungs-Konzepten werden die Standpunkte und Regelungen der einzelnen Landesverbände zu unterschiedlichen sportspezifischen Themen vermittelt. Dazu gehören thematische Schwerpunkte, wie sportliches Verhalten, sportmedizinische Untersuchungen und physiotherapeutische Betreuung innerhalb der verschiedenen Stufen. Neben Trainings- und Wettkampfpensum sind auch Erholungspausen gerade für die ganz jungen ein Thema. Obwohl bis heute nicht an Aktualität verloren, wird das Thema Doping und dessen Nulltoleranz in nahezu keinem Förderungskonzept angesprochen. Über die Behebung dieses Defizites sollte dringend nachgedacht werden. ▪LB

Maßnahmen in der Talentförderung

Nutzung konzeptioneller Grundlagen: Existenz eines leistungssportlichen Konzepts im Verein, Ausrichtung der Talentförderung an verbandlichen Förderkonzeptionen, Rahmentrainingsplänen u.ä.
Nutzung spezieller Förderprogramme für Verbandskader: verbandliche Athleten bezogene Fördermaßnahmen in Ergänzung zur vereinsinternen Nachwuchsarbeit, z.B. zusätzliches Kadertraining, Stützpunkttraining, Trainingslager auf Vereins- bzw. Verbandsebene
Trainer- und Übungsleitersituation im Verein: Anzahl und Qualifikation der mitwirkenden Trainer und Übungsleiter in der Talentförderung
Zusammenarbeit mit übergeordneten Förderinstanzen: z.B. mit Landesfachverbänden, Spitzenverbänden, dem Landesausschuss für Leistungssport; Kooperation mit Betreuungseinrichtungen wie bspw. Olympiastützpunkten
Zusätzliche Förderung benannter Kadersportler im Nachwuchsbereich: ergänzende Fördermaßnahmen zugunsten der im Verein organisierten Kaderathleten, pauschale finanzielle Zuwendungen in Form von Prämien, Aufwandsentschädigungen für trainings- und wettkampfbezogene Kosten, Bereitstellung von Trainings- und Wettkampfgeräten etc.
Soziale und pädagogische Maßnahmen: u.a. Entlastung/Unterstützung in
Kooperation mit der Schule, Pflege des Kontakts zu den Eltern, Unterstützung sozial schwacher Familien

Quelle: Anthes/Güllich/Emrich: Talentförderung im Sportverein. Teil 1: Vereins- und Mitgliederstruktur, S.37.

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