Nach gelungener Premiere liegt die Zukunft in Berlin

25. DTB/VDT-Bundeskongress 

Das Werk lobt den Meister. Das trifft auch auf den DTB/VDT-Bundeskongress zu, der 24 Jahre in München seine Heimat hatte. Doch als in den vergangenen Jahren immer weniger Teilnehmer kommen, steht die traditionsreiche Weiterbildungsveranstaltung vor dem Aus. Zwei Berliner Tennisenthusiasten retten sie - mit neuen Ideen.

Das Fazit des Jubiläumskongresses vorweg: Es war eine gelungene Premiere in Berlin. Das Jubiläum war keine Veranstaltung, bei der man sich nur mühsam bei langatmigen Vorträgen wach halten konnte. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine bewegte und bewegende Fortbildung, bei der viel gelernt, gestaunt und gelacht wurde.
Die mehr als 400 Teilnehmer schlenderten, drängelten und kämpften sich durch das quirlige Gewimmel im größten Convention Center Europas im Hotel Estrel in Berlin-Neukölln. Dort warben alle führenden Hersteller von Tennisequipment, Bekleidung und Trainingsgeräten für ihre neuesten Erzeugnisse. Oder sie hörten gespannt interessanten Vorträgen renommierter Experten aus dem In- und Ausland im Kongresssaal zu.
Eigentliches Zentrum der Weiterbildungsveranstaltung aber war das eigens dafür verlegte Original Rebound Ace Tennisfeld. Die Stuhlreihen waren ständig bis auf den letzten Platz besetzt, selbst Stehplätze sehr begehrt, um auch ja nichts zu verpassen.

Alles begann in einem Ballsaal von New York

VDT-Präsident Peter Schuster streifte bei der Begrüßung durch die Geschichte des Kongresses. Er erinnerte daran, dass vor 15 Jahren Stefan Schaffelhuber und Klaus Marten zum Kongress der United States Tennis Association (USTA) flogen, um von den großen Protagonisten des 'American Dream of Tennis' zu lernen: von Dennis van der Meer, Nick Bolletieri und Stan Smith.
Die beiden Münchner erlebten im faszinierenden Ambiente des Ballsaals im New Yorker Roosevelt Hotel Tennisunterricht, der aus einer „Fortbildungsveranstaltung ein emotionales Highlight machte.“
So etwas braucht auch Deutschland, dachten die beiden und organisierten 24 Jahre lang den DTB/VDT-Bundeskongress. München war in dieser Zeit ein würdiger und viele Jahre auch erfolgreicher Gastgeber. Doch in den vergangenen Jahren kamen immer weniger Teilnehmer, das Interesse am Kongress ließ stark nach. Er stand vor dem Aus. DTB und VDT mussten die Frage klären: Wie soll es mit dieser Traditionsveranstaltung weitergehen?
Zwei Berliner retten Kongress mit einem neuen Konzept
Die Antwort gaben zwei Tennisenthusiasten aus Berlin: Sebastian Herzberg (33), Wirtschaftspsychologe, und Petjo Kuzarow (28), Absolvent der London School of Economics and Political Science. Beide sind lizenzierte Tennistrainer, betreiben die herzbergkuzarow Sports Management & Coaching Gesellschaft in der Hauptstadt, die sich als Turnierorganisator bereits einen guten Namen gemacht hat.
Ihr Konzept überzeugte sowohl DTB als auch VDT, ebenso namhafte Sponsoren - ohne sie geht es nicht. In nur vier Monaten Vorbereitungszeit stellte herzbergkuzarow den Jubiläumskongress auf die Beine - mit den versprochenen Höhepunkten und einem jüngeren Publikum.

Spontaner Beifall - das größte Lob

Oft hallte spontaner, lautstarker Beifall durch das 2.000 Quadratmeter große Veranstaltungszentrum. So beim Vortrag von Barbara Rittner, der Chefin des Porsche Team Deutschland, und ihrer Co-Trainerin Ute Strakerjahn über Trainingsunterschiede im Herren- und Damentennis. Sie hatten sich zwei junge Tennis-Damen aufs Feld geholt, die die Thesen wirkungsvoll demonstrierten.
Was für eine gute Arbeit die beiden Trainerinnen in den vergangenen Jahren geleistet haben, zeigt ein Vergleich, von dem sie stolz berichteten: 2005 stand nur eine deutsche Spielerin unter den Top 50 der WTA-Rangliste: Grönefeld auf Platz 21.
Sieben Jahre später, zum Zeitpunkt des Kongresses, waren es vier: Petkovic (10), Lisicki (15), Görges (21) und Kerber (32). Bis auf die verletzte Petkovic sind die anderen indessen noch ein bisschen auf der Erfolgsleiter emporgeklettert.
Im Training, so wissen die beiden Trainerinnen, gibt es wenig Unterschiede zwischen Herren und Damen. Ute Strakerjahn: „Mädchen mögen Übungen; Jungen spielen lieber um Punkte“. Aber die körperlichen Besonderheiten wirken sich auf das Spiel der Geschlechter aus: Frauen sind 10 bis 15 Zentimeter kleiner, haben die geringere Reichweite - vor allem am Netz. Auswirkungen gibt es aber auch beim Aufschlag und Return. Auch verfügen Frauen über ein Drittel weniger Maximalkraft. Die Folge: geringere Schlaghärte und weniger Drall in den Schlägen. Unterschiedliche Kraft- und Hebelverhältnisse sind verantwortlich dafür, dass Frauen und Männer unterschiedliche Schlagtechniken bevorzugen und von unterschiedlichen Positionen des Tennisfelds erfolgreich spielen - Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Unterschiede in der Technik bei Damen und Herren

Aber auch bei der Tennistechnik macht Mann manches anders als Frau. Bei den Herren ist die Vorhand öfter eine „Waffe“, Frauen spielen dagegen eine stärkere Rückhand. Diplom-Trainerin Strakerjahn: „Aber es gibt eine Tendenz bei den Damen, die Rückhand mehr zu umlaufen und mehr die Vorhand einzusetzen.“
Frauen spielen mit weniger Drall, aber mit gleichmäßiger Länge. Deshalb stehen sie oft dicht an der Grundlinie. Der starke Vorwärtsdrall in den Schlägen erlaubt den Herren, extreme Winkel zu spielen, den Gegner zu weiten Laufwegen zu zwingen.
Und auch diesen Unterschied beobachtete Ute Strakerjahn: Bei den Herren dominiert der Aufschläger, bei den Damen immer noch etwas mehr die returnierende Spielerin. Aber eine Spielerin wie Sam Stosur zeigt, dass auch im Damentennis der Aufschlag durch zunehmende Geschwindigkeit (Lisicki 190km/h) immer mehr zu einer „Waffe“ wird.
Und bei dieser Bemerkung ging ein ungläubiges Raunen über den Center Court: Männer gehen häufiger ans Netz, aber die Erfolgsrate von Damen ist dort höher!
Das alles wurde nicht trocken heruntergebetet, sondern beim Spielen auf dem Feld veranschaulicht.
Fed Cup-Chefin Rittner zeigte auch die Lieblingsübungen ihrer Damen im Training. Andrea Petkovic bevorzugt beispielsweise „Zwei vorn - einer Grundlinie“, während Görges und Lisicki gern die „Vorhand von überall" schlagen. Rittner: „Die besten Übungen müssen nicht immer die kompliziertesten sein.“
Die Zuschauer waren begeistert. „Ich habe Barbara Rittner noch aktiv spielen sehen, heute erlebe ich sie als ausgezeichnete Tennislehrerin“, sagte ein Teilnehmer aus Nordrhein-Westfalen.

Neue Talkrunde ist ein Gewinn

Rat und Wissen der beiden Damen-Bundestrainerinnen waren nach diesem anregenden Vortrag auch in einer neu eingeführten Talkrunde mit Davis Cup-Team-Chef Patrick Kühnen gefragt. Mit dabei auch Odile de Roubin, der Macher des französischen Zukunftsprogramms, und Bernard Pestre,Vize-Technikdirektor des Französischen Tennisverbands, die schon in einem zuvor gehaltenen Vortrag berichtet hatten, wie in unserem Nachbarland mit Play + Stay erfolgreich gearbeitet wird. Bekanntlich gibt es im DTB, dem größten Tennisverband der Welt, mit diesem Methodik-Programm noch auszuschöpfende Reserven. Ansonsten bestimmten Fragen zu Personen, zum Trainingsalltag und dem Leben auf der Profitour die angeregten Dialoge.
Die beiden französischen Experten hatten auch an Filmbeispielen die Entwicklung der weltbesten Spielerinnen, von Billie Jean King bis hin zu Svetlana Kuznezova, beim Grand-Slam-Turnier von Roland Garros seit 30 Jahren dokumentiert. Fazit: Das Spiel ist schneller, viel dynamischer geworden.

Der Professor gab sich gar nicht akademisch

Fällt unter Tennisspielern und Trainern der Name Prof. Dr. Karl Weber, dann ist Aufmerksamkeit garantiert. Jahrelang lehrte und forschte er an der Sporthochschule in Köln. Als er hinter das Pult auf dem Tennisfeld trat, herrschte fast atemlose Stille. „Die ersten Schläge des Ballwechsels sind die entscheidenden.“ Was wie eine Binsenweisheit klingt, ist noch längst keine Selbstverständlichkeit. Also fügte Prof. Weber aus Kenntnis des Alltags auf den Plätzen mit Nachdruck hinzu: „Trainieren Sie doch entsprechend.“
Mit Untersuchungsergebnissen von internationalen Spitzenspielern wies er nach, dass Tennis viel schneller geworden ist, dass viele Punkte schon nach einer Rallye von nur vier Schlägen gemacht werden. Für seinen lebhaften Vortrag gab es viel Applaus.
Reichlich Aufmerksamkeit bekamen auch Vorträge darüber, was Tennisspieler von anderen schnellen Sportarten wie Golf und Eishockey lernen können. Referent Oliver Heuler: „Vom Golf können wir eine neue Art des Maximal- und Schnellkrafttrainings lernen - weg vom sogenannten funktionalen Training mit Pezzibällen, Therabändern und Balancebrettern.“ Er weiß, dass die Videokamera schon vor 25 Jahren Einzug in den Golfunterricht hielt und fragt deshalb: „Wie sieht es im Tennis aus?“ Ein Zuhörer raunt seinem Nachbarn zu: „Da filmt Tante Lieschen ihren Mann beim Punktspiel der AK 60 und die Enkel auf der Terrasse.“

Ehrung für verdienstvolle Tennislehrer und Trainer

Zur Tradition eines ordentlichen Kongresses gehören auch Auszeichnungen. Deshalb gab es auch die im Hotel Estrel. Peter Gorka aus Dresden, fast zwei Jahrzehnte DTB-Vize, sowie Rüdiger Bornemann und Peter Koch wurden für ihre Verdienste um den VDT mit der Silbernen Ehrennadel dieses Verbandes ausgezeichnet. „Vereinstrainer des Jahres“ wurde Lars Haack aus Mittelfranken, der sich mit neuen und zeitgemäßen Lehrmethoden um den jüngsten Nachwuchs kümmert.
Und natürlich konnten die vielen anwesenden C- und B-Trainer ihre Lizenz verlängern lassen. Wolfram Buchholz, frischer Ostliga-Spieler aus der 1. Herrenmannschaft des TC Orange-Weiß Friedrichshagen, hatte die längste Anreise - obwohl er in Berlin wohnt. Er unterbrach sein Auslandssemester in Spanien und reiste eigens hierfür aus Valencia an.
Es war ein bewegender und bewegter Jubiläumskongress, der keine enttäuschten, sondern nur zufriedene Teilnehmer kennt.
Der Präsident des gastgebenden Landesverbandes TVBB, Dr. Klaus-Peter Walter: „Ohne Übertreibung hat sich dieser Kongress zu einem Markenzeichen der Tennislehrtätigkeit entwickelt und mit dazu beigetragen, dass das Niveau der Fortbildungsveranstaltungen und der Ausbildung in Deutschland von der ITF mit höchstem Lob bedacht wurden.“
Und der neue DTB-Vize Bernd Greiner bemerkte: „Ich denke, die Veranstalter dürfen mit Stolz auf dieses Wochenende zurückblicken.“
Der DTB/VDT-Bundeskongress hat wieder eine Zukunft - in Berlin.
Der Termin des nächsten Bundeskongresses steht auch schon fest: 4. bis 6. Januar 2013, wieder im Hotel Estrel in Berlin-Neukölln. Nähere Informationen unter www.bundeskongress-tennis.de. NIK

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04.-06.01.2013
26. DTB/VDT-Bundeskongress 2013
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