Deutschlands erfolgreichste Rollstuhltennis-Spielerin Sabine Ellerbrock im Interview

Sie ist die Nummer 3 der ITF-Weltrangliste im Rollstuhltennis der Damen. Bei den Australian Open im Januar 2013 erreichte sie ihr erstes Grand-Slam-Finale. Im Interview mit der RETURNAL spricht Deutschlands erfolgreichste Rollstuhltennis-Spielerin Sabine Ellerbrock (37) nicht nur über ihren Erfolg, sondern auch ihr Engagement für den Sport.

Seit wann spielen Sie Rollstuhltennis und wie sind Sie dazu gekommen?
S. Ellerbrock: Also, ich habe die Erkrankung seit 2007. Erst einmal dauerte es bis Ende 2008, bis ich mich mit der Krankheit arrangiert und sie letztendlich akzeptiert hatte. Am 31.12.2008 suchte ich im Internet nach Alternativen , nach Möglichkeiten für Menschen mit Handicap, Sport zu treiben. Daraufhin habe ich unterschiedliche Vereine bzw. Verbände angeschrieben. Letztlich war Tennis naheliegend, weil ich das bereits vor der Krankheit spielte. Der Verband reagierte dann auch sehr schnell und lud mich zum Probetraining ein. Im Januar 2009 habe ich praktisch meinen ersten Tennisball im Rollstuhl geschlagen.

Sie sind sehr schnell sehr gut im Rollstuhltennis geworden. Woran lag das?
S. Ellerbrock: Mein Vorteil ist wahrscheinlich, dass ich vorher auch als Trainerin gearbeitet habe. Durch die Trainerausbildung hatte ich ein technisches und taktisches Verständnis, das mir mit Sicherheit geholfen hat. Die Schlagtechnik beherrschte ich also und ich musste letztlich „nur“ das dritte Sportgerät beherrschen lernen. In diesem fahrerischen Bereich liegen noch immer meine größten Schwachpunkte. Letztlich ist es eben auch eine große Umstellung für die Muskulatur. Man ist es einfach nicht gewohnt, alles über den Oberkörper zu machen. Gerade was das Training betrifft, ist es oft schwer, die richtige Mischung zu finden. Ich habe am Anfang oft viel zu viel gewollt und konnte dann auf dem Platz gar nicht mehr richtig trainieren, weil ich schon außerhalb des Platzes viel Krafttraining gemacht habe oder umgekehrt. Das Training läuft ein wenig nach dem „Try and Error“-Prinzip, weil es in Deutschland wenige gibt, die einem fachkundig weiterhelfen können. Es ist eben eine Randsportart.

Bei den Recherchen ist uns aufgefallen, dass Sie die „Initiative Rollstuhltennis“ gegründet haben. Welches Ziel verfolgen Sie mit diesem Projekt?
S. Ellerbrock: Mir persönlich hat der Sport extrem geholfen, um mit meiner Krankheit klarzukommen. Letztlich hat er mich wieder arbeitsfähig gemacht. Den Spaß am Sport möchte ich auch anderen möglichst vermitteln. Dazu müssen jedoch erst einmal die Möglichkeiten geschaffen werden, dass jeder, der sich mit Handicap sportlich betätigen möchte, die Chance dazu bekommt. Die Eingangshürden für Behindertensport und auch für Rollstuhltennis sind leider bei uns in Deutschland relativ hoch. Man braucht dazu vor allem ein Sportgerät. Doch die Sportstühle bekommt man nicht einfach so von der Krankenkasse, sondern wer über 18 ist, der hat zunächst keinen Anspruch darauf. Des Weiteren gibt es, zumindest in meiner Sportart, noch keine Strukturen. Wer eine Anlaufstelle sucht, der wird sich schwer tun, fündig zu werden. Informationen bezieht man noch immer vor allem über Vereine, die sich dem Ganzen geöffnet haben oder über Spieler. Es gibt jedoch kein Netzwerk, wie man das aus anderen Ländern kennt. Mein Ziel ist es einerseits, die Sportart bekannter zu machen und das versuche ich von der Basis aus. Von der Basis aus heißt, ich biete Vereinen, die Interesse haben, an, sich das Ganze anzusehen. So gebe ich ihnen ein wenig Know-how an die Hand. Ich biete meine Hilfestellung an, kostenfrei. Natürlich geht es auch um die finanziellen Ressourcen, aber letztlich kann jeder Tennistrainer Rollstuhltennis unterrichten und letztlich kann auch fast jeder Verein diesen Sport anbieten. Von daher ist es mein Ziel, dass sich mittelfristig ein Netzwerk von Tennisvereinen findet, sodass es die Möglichkeit gibt, im Umkreis von 100-200km diesem Sport nachzugehen.

Unsere Zeitschrift richtet sich speziell an Vereine. Wollen Sie vielleicht die Möglichkeit ergreifen, Vorurteile zu entkräften, die sich häufig auf Seiten der Vereine aufbauen?
S. Ellerbrock: Ein typisches Vorurteil ist, dass wir die Plätze kaputt machen. Das ist jedoch nicht der Fall. Wir spielen ja auch bei den Grand Slam-Turnieren auf allen Belägen. Auf Hartplatz, auf Asche, sogar auf Rasen. Klar, bei weichen Ascheplätzen bleiben Spuren nicht aus, aber die werden von Fußgängern genauso verursacht. Letztendlich würden uns die Grand-Slam- Organisatoren gar nicht auf den Platz lassen, wenn wir irgendetwas kaputt machen würden. Dieses Vorurteil lässt sich aber auch ganz schnell entkräften, wenn man wirklich mal gemeinsam mit dem Platzwart auf den Tennisplatz geht, ein paar Bälle schlägt und er sich den Platz hinterher anguckt. Da wird auch er erkennen: Man geht mit der Matte darüber und dann war es das. Im Endeffekt gibt es da keine Unterschiede zu Fußgängerspielen.

Wissen Sie denn, wie viele Vereine es momentan ungefähr in Deutschland gibt, die Rollstuhltennis anbieten?
S. Ellerbrock: Also… ich weiß, dass zum Beispiel in Dülmen, im bayrischen Raum, in Geldern bei Krefeld Rollstuhltennis angeboten wird. Ich kann keine genaue Zahl nennen, aber es gibt einzelne Vereine. Allerdings gibt es eben keinen wirklichen Austausch unter den Vereinen. Rollstuhltennis ist auch noch nicht fest in die Trainerausbildung integriert. Jeder Verband schreibt Fortbildungen vor und oft beschweren sich die Trainer – ich kenn das ja selber – weil die Themen immer die gleichen sind. Jeder muss in gewissen Abständen jedoch solche Seminare belegen. Da kommt für mich eben die Frage auf, wieso Rollstuhltennis nicht als fester Punkt von den Landesverbänden in die Fortbildungen aufgenommen wird. Immerhin ist der Sport seit gewisser Zeit als Referat Rollstuhltennis an den Deutschen Tennis Bund angegliedert. Wenn es nicht direkt Teil der Trainerausbildung ist, dann wäre das doch eigentlich ein schönes Fortbildungsthema, das sich gut integrieren ließe. So entfiele letztlich auch eine gewisse Hemmschwelle für Trainer, die sich bisher noch scheuen, Rollstuhlfahrer zu unterrichten. Im Prinzip kann das nämlich jeder. Natürlich ist es wichtig, dass jeder Trainer selber mal einen Ball im Rollstuhl geschlagen hat. Einfach um einschätzen zu können, was sein Schützling da leisten muss und auch, um einschätzen zu können, wie die Bälle angespielt werden müssen. Darüber hinaus muss ein Trainer sich sowieso, auch wenn kein behinderter Mensch auf der anderen Seite des Netzes steht, auf seinen Schüler einstellen. Tennis bedarf immer eines individuellen Trainings. Behindertensport bringt noch einen Aspekt mit sich, der besonders für Trainer interessant sein kann. Schließlich ist jede Behinderung individuell. Das heißt, dass es nicht DIE eine Technik gibt. So hat der Trainer in besonderem Maße die Möglichkeit, sich über den einzelnen Schüler Gedanken zu machen und ihn gezielt zu fördern. Schließlich gibt es auch noch den integrativen Aspekt: Rollstuhlspieler und Fußgänger spielen auf dem gleichen Feld, mit den gleichen Materialien. Das heißt, auch gemischte Gruppen sind ohne weiteres möglich.

Haben Sie denn schon mit gemischten Gruppen Erfahrungen gemacht? Wie ist allgemein die Reaktion der Fußgänger auf die Rollstuhlfahrer im Verein?
S. Ellerbrock: Viele können sich zunächst nur wenig unter Rollstuhltennis vorstellen und sind verwundert, welche Geschwindigkeiten im Rollstuhl gespielt werden können. Manche glauben, man klemmt sich den Schläger zwischen die Beine, fährt dann und nimmt den Schläger nur zum Schlagen in die Hand. Allerdings habe ich bislang nur positive Resonanz erhalten. Auch von denjenigen, die zum ersten Mal mit Rollstuhltennis konfrontiert wurden. Letztlich spiele ich persönlich auch fast ausschließlich mit Fußgängern, weil hier in der Region aktuell keiner ist, der auf diesem Level spielt. Um mit anderen Rollis auf höherem Level zu spielen muss ich entweder nach Holland fahren oder zumindest 250km. Klar gibt es auch ein paar Schwierigkeiten, denn natürlich können wir nicht einfach die Richtung wechseln. Alles in allem ist das aber sehr gut machbar und Rollstuhltennis lässt sich gut integrieren.

Wenn sich ein Verein überlegt, dass er gerne Rollstuhltennis anbieten möchte, was muss er beachten, anlegen oder kaufen?
S. Ellerbrock: Als erstes muss er sich überlegen, was nicht barrierefrei sein könnte. Gibt es Treppenstufen, die man überwinden müsste? Kommt man zum Platz? Sind die sanitären Anlagen zugänglich? Es muss nicht einmal unbedingt eine Behindertentoilette vorhanden sein. Oft reicht es schon, wenn die Türen eine bestimmte Breite haben. Letztlich ist es auch immer eine Frage der Behinderungen. Oftmals muss nicht alles 100%ig behindertengerecht sein. Mit Holz können schnell und günstig einfache Rampen gebaut werden. Viele Plätze sind schon ebenerdig. Natürlich muss auch Equipment vorhanden sind. Jedoch ist jeder Verein bzw. Trainer ja bereits mit Schlägern und Bällen ausgestattet. Dazu kommt eben die Sache mit dem Rollstuhl. Leider haben viele Rollstuhlfirmen Angst um ihr Image und bieten daher ungern verstellbare Rollstühle an, weil die ein wenig wackeliger sind als festgeschweißte. Da verstellbare Sportrollstühle jedoch von vielen benutzt werden können, eignen sie sich als Leihstühle am Anfang besonders gut. Da muss der Verein sich einfach mal bei verschiedenen Firmen umhören. Es macht immer Sinn, zuerst einmal Try-Out-Tage oder ähnliches im Verein anzubieten, um abzuklopfen, ob Interesse und ein Einzugsgebiet vorhanden sind. Für solche Tage kann man sich zunächst Stühle leihen. Manche Firmen machen das kostenfrei.

Kann man sich als interessierter Verein also an Sie wenden?
S. Ellerbrock: Ja, klar! Es ist natürlich in meinem Interesse, dass möglichst viele sich melden. Natürlich sind zeitliche Ressourcen nicht unerschöpflich und jeder, der sich ehrenamtlich in diesem Bereich engagiert, hat noch einen Hauptjob. Prinzipiell bin ich aber immer dankbar für Anfragen und Interesse. Gott sei Dank kommen jetzt gerade nach London viele Zuschriften. Da merkt man einfach, dass die Paralympics geholfen haben, um ein bisschen mehr Resonanz vom Otto-Normal-Verbraucher zu bekommen. Ich habe den Eindruck, dass die Hemmschwelle bereits ein wenig gebrochen wurde.
Das Gespräch führte Gesche Gerdes.

Weiterführende Links

Rollstuhltennis in Deutschland
Rollstuhltennis in Österreich
Rollstuhltennis in der Schweiz

Informationen zu Sabine Ellerbrock und der „Initiative Rollstuhltennis“:
http://www.sabine-ellerbrock.de

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