Wie der Markt die Tennisservice-Firmen lockte

Was macht denn der Wohnwagen hier?

Schwindende Mitgliederzahlen haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten dazu geführt, dass Tennisvereine sich aufgelöst haben und Tennisanlagen in Trendsportstätten umgewandelt wurden. Im selben Zeitraum wuchs die Anzahl der Tennisservice-Firmen um ein Vielfaches an. Es mag paradox erscheinen, doch die rückläufigen Entwicklungen im Tennis haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Tennisservice-Firmen derart florieren konnten. Die Zusammenhänge werden ersichtlich, betrachtet man den Gang der Dinge einmal genauer.

Wissen Sie noch, wann Sie zum ersten Mal junge Männer in einem Wohnwagen an Ihrem Tennisplatz beherbergt haben? Finden Sie es heute noch so ungewöhnlich wie damals, wenn sich bei Sonnenaufgang diese Burschen aus ihrer beengten Unterkunft schälen und kurz darauf, nachdem sie ihre Gliedmaßen wieder in die rechte Position gerückt haben, schon wenige Meter weiter den roten Sand umherschieben und zum Container karren? Fremde Menschen, die von irgendwo kommen und nach nirgendwo verschwinden. Neue Gesichter fast in jedem Jahr… Wenn die Saison der Frühjahrsinstandsetzungen beginnt, fragt sich mittlerweile wohl kaum jemand mehr: „Was macht denn der Wohnwagen hier?“ Denn schon seit einigen Jahren arbeiten zahlreiche Tennisservice-Firmen mit dem flexiblen Wohnwagenkolonnen-Modell. Man hat sich daran gewöhnt.

Früher war es eine kostspielige Annehmlichkeit

Und früher? Ja, wie war es eigentlich früher? Man hatte mehr Mitglieder, soviel ist wohl sicher. Es gab auch mehr Hände die mit anpackten, wenn der energische Platzwart zur Frühjahrsinstandsetzung rief. Damals wies er jedem seine Aufgabe zu. Er selbst übernahm dabei die schwersten, die, die Erfahrung und Verantwortung verlangen. Und es waren Zeiten, in denen die Mitglieder so zahlreich waren, dass mancher Verein sich gerne den Luxus leistete, die Frühjahrsinstandsetzung von einer Servicefirma durchführen zu lassen. Da sah man dann in den Gelben Seiten nach und beauftragte einen Fachbetrieb aus der näheren Umgebung. Oder vielleicht einen, den man vom Bau der Tennisanlage in guter Erinnerung hatte. Oder den, bei dem der Cousin einer Nachbarin arbeitete, und der schon einige Male kostenlos ausgeholfen hatte, wenn man der Hilfe eines Fachmannes bedurfte.
Aber, persönliche Bekannte hin oder her, eine kostspielige Annehmlichkeit war es doch. Wer sie sich leisten konnte, dem war es die Sache wert. Facharbeiter kosten nun mal. Und schließlich war für die Tennisservice-Firmen nur zweimal im Jahr Auftragssaison: zur Frühjahrsinstandsetzung und zum Tennisplatzbau. Dazwischen blieben die Aufträge für Tennisservice klein, die Einnahmen entsprechend gering – und die Mitarbeiter hatten trotzdem ihren Lohn zu bekommen. Ach, und wie viele Kunden gab es denn überhaupt in der Region? Wie viele Vereine wollten sich den teuren Service denn leisten? Schließlich packte der Platzwart auch gern selbst zu, schon deshalb, weil er seine Plätze am besten kannte. Und auch die Mitglieder hatten ihren Spaß, gemeinschaftlich etwas zu schaffen. Für sich und für den Verein.

Die Mitglieder können heute nicht mehr so zupacken

Und heute? Die alte Walze quietscht und klemmt. Der Platzwart ist noch immer derselbe - nur die Arbeiten gehen ihm nicht mehr so gut von der Hand wie damals. Die Mitglieder, die einst so tatkräftig mitgeholfen haben? Einige von ihnen sind noch da, aber zupacken können sie nicht mehr so wie früher. Es kommen nicht viele junge Leute nach. Und die, die kommen? Denen fehlt die Zeit, um sich neben Überstunden, Familie und Abendstudium oder zwischen Schule, Hausaufgaben und Klausurvorbereitungen noch im Verein zu engagieren. Da darf man froh sein, wenn die Zeit wenigstens noch zum Spielen reicht und das Geld noch für die Mitgliedschaft. Einigen fehlt auch bloß die Lust. Und außerdem zahlt man ja schließlich seine Beiträge - da scheint es manchem schon lästig, nach dem Spiel den Platz selbst abzuziehen. Eine Beteiligung an der kraft- und zeitintensiven Frühjahrsinstandsetzung kommt dann erst recht nicht in Frage. Also kann das doch bitte eine Tennisservice-Firma machen. Auf die alten Plätze sollte ohnehin gelegentlich ein Fachmann schauen und das eine oder andere professionell flicken. Für eine Teilsanierung fehlt schließlich das Geld und der FIS-Service ist mittlerweile erschwinglich geworden. Außerdem können die Profis nass schlämmen, der Platzwart hingegen hat damals noch die Trockenmethode gelernt.

Viele Aufträge, geringe Betriebskosten

Aber wie kann der Service denn heute so viel günstiger sein, als er es früher war? Ach ja, richtig: die Wohnwagen! Die Kolonnen fahren von irgendeiner kleinen Firmenzentrale los, kreuz und quer durchs Land, und können so viel mehr Aufträge pro Saison erledigen. Und es sind viel mehr Tennisvereine aufgrund einer überalterten Mitgliederstruktur, geringerer Mitgliederzahlen und der Auswirkungen individueller Zeitbegrenztheit auf die ehrenamtliche Unterstützung auf solche Hilfe angewiesen. Damit ist die Auftragslage für die Tennisservice-Firmen umso günstiger. Und Massenware kann man billiger anbieten als individuelle Produkte - billige Angebote wiederum ziehen gerade im finanzgebeutelten Tennis umso mehr Kundschaft an. Aber all die vielen Mitarbeiter, die zu den Frühjahrsinstandsetzungen aufbrechen, die kann natürlich kein Betrieb fest anstellen. Geringverdiener und Studenten lassen sich hingegen immer finden und für kurzfristige Akkordarbeit einspannen. Das spart in hohem Maße Personalkosten, weil für die Firmeninhaber geringere Sozialabgaben anfallen.
Hohe Nachfrage, viele Aufträge, geringe Betriebskosten – und schon ist die Branche interessant für jedermann und bietet Platz für viele Anbieter. Doch darf man sich auch in dieser Branche nicht wundern, wenn der preiswerteste Massenservice den individuellen Ansprüchen nicht immer gerecht werden kann. Wenn Sie Qualität wünschen, dann gehen Sie bei der nächsten Auftragsvergabe für die FIS einmal der Frage nach, wo der Wohnwagen eigentlich herkommt. Denn Tennisservice anbieten kann unter den heutigen Voraussetzungen im Grunde jeder – ob ihn auch jeder professionell leisten kann, steht auf einem anderen Blatt.
Zu Recht fragen Sie sich heute aber nicht mehr: „Was macht denn der Wohnwagen hier?“. Denn der dürfte am Spielfeldrand stehen, ganz egal für welches Preissegment Sie sich entscheiden. Das ist das 21. Jahrhundert, in dem Mobilität und Flexibilität den Arbeitsmarkt bestimmen.

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