WTA plant Strafen für Grunting im Profi-Tennis

Wenn Stöhnen stark (ver)stört

Wer glaubt, ein junger Agassi, Nadal, die Williams-Schwestern und Sharapova hätten nur ihre Platzierungen innerhalb des Tennissports gemein, der hat weit gefehlt. Neben Spitzensport gibt es vor allem spitze Schreie, ächzendes Stöhnen und kehliges Grunzen - im Tennis allgemein als ‚Grunting‘ (engl. für Grunzen, Stöhnen) bezeichnet. Gar nicht spitze finden das längst Medien, Fans und Mit-Athleten. Seit den 1990er Jahren steht die lautstarke akustische Untermalung der Schläge immer wieder in der Kritik. Als Grunting-Pionierin gilt dabei Monica Seles, die auf einen stattlichen Höchstwert von 93,2 dB kam. Zum Vergleich: die gehörschädigende Grenze liegt bei 85 dB. Mittlerweile haben aber ganz andere Damen das Grunting auf die Spitze getrieben. Die Rede ist hier natürlich von Maria Sharapova (101 dB) und Michelle Larcher de Brito (109 dB).

Kritik aus den eigenen Reihen

Die Liste der grunzenden Spieler liest sich wie das Who is Who des Profi-Tennis. Doch gibt es auch Kritik aus dem eigenen Lager: So bemerkte der Wimbledon-Sieger von 1991 und heutige BBC-Kommentator Michael Stich, er empfinde das Grunting schlichtweg als „ekelhaftes, abscheuliches Gegrunze“. Weniger ästhetische, dafür gesundheitliche Bedenken äußerte Tennis-Legende Boris Becker im GQ-Magazin: „Das muss doch die Stimmbänder reizen und kann nicht gesund sein.“ Auch bei vielen Profi-Damen stößt das Stöhnen und Grunzen auf Unverständnis. Martina Navratilova, 18-fache Siegerin bei den Grand-Slam-Turnieren, beschwerte sich unlängst darüber, dass das Grunting im Profi-Tennis ein entsetzliches Ausmaß erreicht habe, das nur mit knallhartem Punktabzug eingedämmt werden könne. Sie kategorisierte das lautstarke Grunzen als „klaren Betrug“. In dieselbe Kerbe schlug auch Caroline Wozniacki, die anführte, dass einige Spielerinnen nur beim Match, aber nicht im Training stöhnen.

Legitimierung durch die Wissenschaft

Eine Studie aus dem Jahr 2010, die aus der Zusammenarbeit der Universitäten Hawaii und Vancouver hervorging, unterstützt die Betrugs-These. Im Rahmen der Studie waren studentischen Probanden Videos von Profi-Tennisspielern gezeigt worden. Während für die Hälfte der Ausschnitte ein Stöhngeräusch just in dem Augenblick eingespielt wurde, in dem der Ball auf den Schläger traf, war die andere gänzlich frei davon. Die Testpersonen sollten so schnell wie möglich angeben, ob der zurückgeschlagene Ball auf der linken oder rechten Seite des Platzes eintreffen wird. Das Ergebnis: wurde das Stöhngeräusch eingespielt, so fielen die Antworten der Probanden verspätet und weniger exakt aus, als bei den Ausschnitten, bei denen der Schlag selbst zu hören war. Folgen des Grunting können z.B. sein:

  • Die Fähigkeit des Gegners, den Aufprall des Balls auf den Tennisschläger zu hören, wird blockiert.
  • Es findet eine Verlagerung der akustischen Aufmerksamkeit, weg von Ball und Schläger und hin zum Geräusch, statt.
  • Es findet eine Verlagerung der visuellen Aufmerksamkeit, weg von Ball und Schläger und hin zum Ursprungsort des Stöhnens, statt.

Eine ähnliche Situation ist gegeben, wenn jemand beim Autofahren mit dem Handy telefoniert. Zwar kann er den Verkehr weiterhin verfolgen, jedoch nur mit eingeschränkter Konzentration.

Grunting als Ausdruck einer Befreiung und des kollektiven Bewusstseins - Die andere Seite der Medaille

Mancher Tennis-Profi bestreitet, dass das Grunting sich störend auswirke. So erklärte z.B. Serena Williams, ihres Zeichens selbst ‚Grunterin‘ aus Leidenschaft, dass das Stöhnen der Gegner ihre Aufmerksamkeit nicht negativ beeinflusse, da sie sich auf ihr eigenes Spiel konzentriere. Zudem wird von vielen Gruntern angegeben, dass es etwas Befreiendes und zugleich Kollektives habe, das von ihnen selbst gar nicht bewusst wahrgenommen werde. Auch bewerten sie ihre Grunzer eher als nützliches Signal, das dem Gegner anzeige, mit welcher Kraft und welchem Timing der Ball geschlagen worden ist.

Grunting-Verbot

Weiterhin unklar und kaum nachzuweisen bleibt der absichtliche Einsatz des Stöhnens. Ob vorsätzlich oder nicht, Fakt ist, dass Grunting unfaire Vorteile beim Spielen hervorrufen kann. Und auch die Zuschauer, die selbst stille Lauschen sollen, können es nicht mehr hören. Nach den erneuten Debatten rund um die Australian Open hat die WTA nun ein Grunting-Verbot auf der Agenda. Danach soll es Punktabzüge für lautes Stöhnen geben. Angesetzt wird zunächst beim Nachwuchs, der sich das Grunting gar nicht erst angewöhnen soll. Den eingefleischten Gewohnheits-Gruntern unter den Profis soll schließlich kein Nachteil durch eine plötzliche Umstellung entstehen. Es wird also noch ein Weilchen dauern, bis die Schreie über dem Court verhallt sind. ▪ LB

Deine RETURNAL Redaktion

Tags: Grunting

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